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Aus: Ausgabe vom 11.03.2026, Seite 10 / Feuilleton
jW-Maigalerie

Leben, Lieben, Leiden

Linolschnitte des kommunistischen Künstlerpaars Lea und Hans Grundig in der jW-Maigalerie
Von Gisela Sonnenburg
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In der Maigalerie

Ändere die Welt, sie braucht es.« Das forderte einst Bertolt Brecht. Aber ist die Welt überhaupt zu ändern? Zumindest sind es die Lebensumstände von Frauen – dafür ist die Jugend der späteren Künstlerin Lea Grundig ein Beispiel. Vierzig Linolschnitte von ihr sowie ihrem Ehemann Hans Grundig, beide hervorragende Vertreter des Expressionismus, sind seit dem 5. März in der Maigalerie der jungen Welt in Berlin-Mitte ausgestellt. Sie entstammen zumeist den Jahren 1929 bis 1931 und zeigen Deutschland in der Krise der Weimarer Republik.

Da ist ein Foto von Lea Grundig bei der Arbeit. Ihr Gesichtsausdruck wirkt konzentriert, man erkennt harmonische Linien – wie in ihren Werken. Sie wurde 1906 in die jüdische Kaufmannsfamilie Langer in Dresden geboren, studierte an der Akademie der Bildenden Künste Dresden. 1926 lernte sie Hans Grundig kennen, ihren Partner im Leben, Lieben und auch Leiden. Beide traten in die KPD ein.

Aber Leas Vater schickte die nicht Volljährige noch 1926 nach Heidelberg, um sie ihren linken Freunden zu entfremden. Vergeblich. 1928 heirateten Lea und Hans – und konnten bald den Dresdner Ableger der »Asso«, der »Assoziation Revolutionärer Bildender Künstler Deutschlands« gründen. Die in der Maigalerie ausgestellten Werke waren letztes Jahr unter dem Titel »Lea und Hans Grundig in der Asso« in Dresden zu sehen. Einer Freundin und Förderin von Lea Grundig, der Dresdner Ärztin Maria Heiner, ist nämlich zu verdanken, dass diese Bilderschau überhaupt stattfinden kann. Sie vereint Werke aus Heiners Besitz mit solchen aus der Tessiner Sammlung von Sonja Salati.

Die Drucke bieten Kontrast, Dramatik, Bildspannung. Und: Klare Konturen, klare Statements. Hans Grundig, 1901 als Sohn eines Dresdner Malermeisters geboren, wollte Kunst schaffen, die sowohl an der Wand als auch als Illustration taugt: für Presseerzeugnisse, für Flugblätter, für Plakate.

Wir sehen Kids, sie kämpfen ums Überleben. »Das Elend der Kinder« heißt ein Werk von Hans Grundig, »Kinder der Großstadt« ein anderes. Ein Bub ist zu sehen, dann ein Mädchen. Beide haben große, verloren wirkende Augen in den zarten Gesichtern. Der Junge schaut uns eindringlich an. Hinter ihm scheint die Straße sich zu bewegen, zu rasen, sie wirkt schattenlos und surreal. Fabrikgebäude und Schlote reichen bis in den Himmel, wo Wolkenlinien den Mond gefangenhalten. Das Mädchen bewegt sich an einem schneereichen Wintertag auf ebenfalls verdächtigem Weg. Diese Kinder haben keine glückliche Jugend, auch wenn das Mädchen die Puppe so fest im Arm hält, als sei sie lebendig. Außer einem leidvollen Leben wird diesen Menschenkindern nichts versprochen.

Dabei kennen manche von denen, für die sie stellvertretend stehen, schon den Tod des Vaters. Etwa durch ein Grubenunglück, wie ein Linolschnitt zeigt. Die Verhältnisse in der Weimarer Republik, die nur für die Reichen ein goldenes Zeitalter war, werden deutlich. Lea Grundig fertigte 1929, im Jahr der Wirtschaftskrise, die »Straße im Arbeiterviertel«: Wir sehen einen Jungen mit frustriertem, aber nicht resigniertem Gesicht an uns vorbeilaufen, während eine Mutter ihr Kleinkind an der Hand führt und uns ihren gebeugten Rücken zudreht. Fabrikschlote beherrschen auch hier den Himmel.

Ein Werk von Lea heißt »Mond« und zeigt eine Landstraße. Bedrohlich ziehen Wolken auf. Kahle Bäume biegen sich im aufkommenden Sturm. Als zeigten sie Fluchtbewegungen. Die künstlerische Ahnung der Greuel der nahenden Nazidiktatur.

1930. Noch schreiben Kinder zur Weihnacht »Wunschzettel«. Hans Grundig zeigt sie. Dazu die ratlose Mutter. Lea Grundig fertigte schon 1929 das Portrait »Jugendliche Arbeitslose«: ein kreuzunglückliches Fräulein. Das »Mädchen mit Schal« hat im Winter keinen Mantel. Nur den Schal. Tapfer schaut sie drein. Tapfer mussten auch Lea und Hans Grundig sein, denn beide wurden von den Nazis verfolgt, verboten, fast vernichtet. Die »Asso« wurde, wie die KPD, schon 1933 verboten.

Lea konnte sich, nach etlichen Verhaftungen, nach Palästina retten. Hans wurde im KZ Sachsenhausen inhaftiert, dann im Außenlager Berlin-Lichterfelde. Dann wurde er noch an die Ostfront geschickt, wo er zu den Sowjets überlief. Später, in der DDR, wurden die Grundigs geehrt. So erhielt Lea Grundig 1958 den Nationalpreis II. Klasse der DDR, gemeinsam mit ihrem Mann, der im selben Jahr starb. Bis zu ihrem Tod 1977 war Lea Grundig hochgeachtet.

Ihre Linolschnitte zeigen, wie aus Kindern Leute werden. Sie werden nicht nur durchs Altern erwachsen, sondern auch durch politisches Engagement. 1931 zeigt Lea die »Diskussion zwischen KPD- und SPD-Arbeitern«. Der Kommunist reckt den Zeigefinger in die Höhe, will argumentativ den Weg weisen. Sein Kontrahent von der SPD hält beschwichtigend die Hand flach. Leas »Streikende vor Fabrik« tragen indes keine Parteiabzeichen: Solidarität soll keine Parteigrenzen kennen. Leas »Trümmerfrau« von 1953 ist dazu eine Kontrastfigur. Sie steht für die Hoffnung weiblicher Kraft.

Hoffnung hegte auch Hans Grundig im Jahr 1930. Sein »Lernender Arbeiterjunge« wirkt so redlich, dass man ihm sein Ziel, als Studierter die Welt zum Besseren zu ändern, schon im Kindesalter ansieht. »Die Spinnerin« steht dagegen stoisch in der Nachtschicht am Webstuhl. Heinrich Heine kommt einem in den Sinn: »Deutschland, wir weben dein Leichentuch, wir weben hinein den dreifachen Fluch«, heißt es in den »Schlesischen Webern«.

Lenin mit zupackender Gestik – das ist der deutlichste Fingerzeig von Hans. Die Armut, den Suff, den Suizid, die Niederschlagung einer Demonstration zeigt er ebenfalls im Bilderreigen. Denn bei den Grundigs wird Tacheles gesprochen: Eine Gesellschaft, die sich nur um ihre oberen sozialen Schichten oder nur noch um die Gewinner im Spiel der Mitläufer sorgt, wird keine Garantien für eine positive Entwicklung geben können. Erleben wir das nicht gerade im Jahr 2026?

»Hans und Lea Grundig«, jW-Maigalerie, Torstr. 6, 10119 Berlin, bis zum 17. April 2026

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