Krieg? Zunehmende »Demokratie«!
Die jüngste Broschüre Kautskys, »Nationalstaat, imperialistischer Staat und Staatenbund«, ist zum Teil nur Wiederholung, zum Teil aber eine Ergänzung der Äußerungen, die er in verschiedenen Artikeln der Neuen Zeit zum gegenwärtigen Kriege getan hat.
Zunächst untersucht Kautsky das Wesen und die historische Rolle des Nationalstaates und weiß von ihm eine Menge Dinge zu erzählen, von denen kein Mensch bisher etwas wusste. So erfahren wir, dass der Nationalstaat sowohl eine unabweisbare logische Konsequenz der »modernen großstaatlichen Demokratie« wie auch umgekehrt ihre unentbehrliche Grundlage ist. Nationalstaat und »moderne Demokratie« – zweieinig sind sie, nicht zu trennen. (…) Bei Kautsky verschwindet also vollständig die Auffassung des Nationalstaates als einer vorübergehenden, geschichtlich bedingten Phase der bürgerlichen Klassenherrschaft, einer Phase, die vom Imperialismus längst überwunden und am deutlichsten gerade in dem gegenwärtigen Weltkriege zu Grabe getragen wird. (…)
Was ist Imperialismus? Imperialismus – das ist bloß eine garstige »Methode«. Das ist eine Methode, mit Gewalt und ähnlichen hässlichen und verwerflichen Mitteln das zu erreichen, was an sich legitim und notwendig, aber »viel besser« durch andere Methoden, nämlich durch die »Demokratie«, zu erreichen ist. Kautsky erkennt in dem Ausdehnungsdrang des Kapitals das legitime Bedürfnis der modernen Entwicklung; bloß die Mittel, die imperialistischen Methoden will er beseitigen und damit dem Imperialismus, dem Wettrüsten, der Kolonialpolitik »den schlimmsten Stachel« nehmen.
Aber hinwiederum, wenn wir uns die Sache ganz genau besehen, so gibt es beinahe gar keinen Imperialismus. (…) England? Nun, dessen Kolonien waren erobert »lange vor der imperialistischen Periode«, und jetzt beruht zum Beispiel der südafrikanische, der kanadische, der australische Bund auf reiner Demokratie. Gegen eine solche »Staatenart« könnten wir kaum etwas »einwenden«.
Südafrika, Ägypten, Algerien, Persien nähern sich immer mehr »dem Stadium der modernen Demokratie«, und deshalb kommen diese Gebiete als Objekt des Imperialismus »nicht mehr« in Betracht. (…) China? Es nähert sich auch mit Siebenmeilenstiefeln »dem Stadium« der modernen Demokratie alias des Nationalstaates, also auch hier wird »jede imperialistische Politik unmöglich«. (…)
Mit einem Wort, wohin wir blicken, ist es mit dem Imperialismus nichts, oder seine Tage sind gezählt, denn überall wird er durch die zunehmende »Demokratie« verdrängt. Halt, die Türkei! Das war allerdings ein Objekt des Imperialismus, namentlich des deutschen. Die Türkei drohte denn auch zum Wetterwinkel des imperialistischen Weltkrieges zu werden. Allein auch hier war just vor dem Ausbruch des gegenwärtigen Krieges alles »geregelt«. Er brach in einem Moment aus, in dem »kein einziger imperialistischer Streitpunkt existierte«.
Hat so der Imperialismus schon vor dem Krieg gar nicht existiert, so wird er nach dem Kriege (…) erst recht aufhören zu existieren. »Der Export von Kapitalien aus den Industriestaaten, diese Quelle des Imperialismus und damit letzte Ursache des Krieges, hört, zunächst wenigstens, auf.« Denn einerseits werden die europäischen Industriestaaten nach dem Kriege »andere Sorgen haben«, als Imperialismus zu treiben, andererseits »entziehen sich« die Agrarstaaten immer mehr der Ausbeutung durch den Imperialismus. Also war der ganze Imperialismus und namentlich der gegenwärtige Weltkrieg im Grunde genommen »viel Lärm um nichts«. Wie brach denn der Krieg nach alledem aus? Na, eben – bloß aus dem Wettrüsten und der Mobilisierung! (…)
Wozu all diese Gymnastik, fragst du, lieber Leser? Wozu so viel edler Schweiß und Mühe, um allgemein bekannte Tatsachen, die jetzt in den Gassen gellen, zu bestreiten? Die Antwort gibt uns Kautsky mit der folgenden Entdeckung: Wer »behauptet, der Imperialismus sei im jetzigen Stadium der kapitalistischen Produktion für diese unerlässlich«, der »besorgt damit die Geschäfte der Imperialisten …, erhöht ihren geistigen Einfluss in der Volksmasse und damit ihre Macht«. Also »behauptet« Kautsky das Gegenteil. Er »behauptet«, dass der Imperialismus gar nicht ökonomisch notwendig, sondern »nur eine Machtfrage« sei, dass die Ausdehnung des Kapitals »am besten« nicht durch die gewalttätigen Methoden des Imperialismus, sondern »durch die friedliche Demokratie« gefördert werde. Wie einfach und einleuchtend! Marx behauptete, dass die Kapitalsherrschaft auf einer gewissen Stufe eine unerlässliche ökonomische Notwendigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung sei, damit besorgte er natürlich die Geschäfte der Kapitalisten, erhöhte ihren geistigen Einfluss und ihre Macht.
Mortimer: Perspektiven und Projekte. In: Die Internationale (Düsseldorf), 1915, Heft 1. Hier zitiert nach: Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, Band 4. Dietz-Verlag, Berlin 1979, Seiten 33–38
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