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Aus: Ausgabe vom 28.02.2026, Seite 3 / Feuilleton

Václav Havel des Tages: Juli Zeh

Von Felix Bartels
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Zeit: Bundespräsidentin? Zeh: Hold my beer!

Den Zorn, Göttin, singe. Homers Epen tragen die Spuren einer schriftlosen Zeit, wo Sänger die Hüter des kulturell-politischen Gedächtnisses waren. In einer oralen Gesellschaft geht Wissen nur durch Erzählung festzuhalten. Was den Sänger mächtig machte – und zur Gefahr. Für sich selbst vor allem. Der obligatorische Musenanruf war ein Disclaimer: Hängt mich nicht, ich singe nur, was die Göttin mir flüstert.

Heute steht das Verhältnis Kopf. Der Künstler hat nichts mehr zu wirken, doch sieht sich berufen, der Welt sein Höchsteigenes mitzuteilen. Zumeist ohne Gewinn, wie Ricky Gervais bei den Oscars erinnerte: Ihr seid nicht in der Lage, irgend etwas zu erklären. Ihr wisst nichts über die wirkliche Welt. Die meisten von euch haben weniger Zeit in der Schule verbracht als Greta Thunberg. Wenn ihr also nach vorn kommt, nehmt euren Preis, dankt eurem Agenten und verpisst euch.

Nicht zugehört hat Juli Zeh, die lieber nicht ergangenen Rufen folgt. Bislang habe sie keiner gefragt, ob sie Bundespräsidentin sein wolle, teilt sie der Zeit mit. »Inzwischen kann ich es mir tatsächlich irgendwann einmal vorstellen.« Inzwischen irgendwann. »Atypisch« sei sie nämlich, täuscht Zeh sich über Zeh, und die mutige Stilistin in ihr fügt hinzu: Eine Frau als Präsidentin wäre »superzeitgemäß«. In der Freizeit schreibt Zeh, Richterin und Tochter eines hochrangigen Bundesbeamten, Romane: »Unterleuten«, »Über Menschen«, »Zwischen Welten«. Gerüchten zufolge ist »Ohne Denken« in Arbeit. Was über die Schriftstellerin zu sagen ist, hat Stefan Gärtner besorgt. Soziologisch repräsentiert Zeh zudem jene Kohorte berufsschreibender Upper-Class-Kids, die sich vermöge elterlicher Netzwerke und hinreichender Knete etablieren konnten. »Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn«, spottete Florian Kessler einst. Und nun nach Berlin, Juli Che.

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