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Aus: Ausgabe vom 26.02.2026, Seite 2 / Ansichten

POTUS hält SOTU

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Er redete viel, er sagte gar nichts. POTUS hält SOTU, und alle hören hin. Der State-of-the-Union-Ansprache des President of the United States war nichts zu entnehmen, was sich ernstlich als Inhalt bezeichnen ließe. Die Rede konturierte, ja regierte das Übliche: Ich bin der Größte, in den Staub mit meinen Neidern. Claqueure – Mandatsträger auf dem Ticket der Republikaner und hinzugeladene Groupies – sprangen wie Duracell-Häschen von ihren Sitzen im Kongress, wann immer Donald Trump ein Bäuerchen absonderte, das von seiner eigenen Großartigkeit oder der der Nation kündete – also unentwegt. Medien schnuppern noch an jeder Mülltonne, wir schnuppern, freilich auf einer Metaebene, gleich mit.

Die Süddeutsche Zeitung erkennt »108 Minuten Prahlerei, Pathos und Zorn«, der Spiegel hingegen »108 Minuten Eigenlob«. Wer hat recht? Die Redaktion in Hamburg konfrontiert Weihrauch mit Volksstimmung: »Egal, wie sehr Trump sich selbst und seine Leistungen bewundert: Die Mehrheit der Amerikanerinnen und Amerikaner ist von ihm enttäuscht. Etwa 60 Prozent sind in aktuellen Umfragen mit seiner Amtsführung unzufrieden.« Aus München erfährt man: »Viele Landsleute lehnen Trump ausgerechnet wegen seiner Lieblingsthemen ab. Ungefähr sechs von zehn Amerikanerinnen und Amerikanern geht seine Offensive gegen Immigranten zu weit, genauso unbeliebt ist seine Wirtschaftspolitik.« Bei Tagesschau.de herrscht Ordnung und Redlichkeit, deshalb betreibt man dort Fact Checking: »Falschbehauptungen über Inflation«, »Nicht die größten Steuersenkungen der US-Geschichte«, »Trump hat keine acht Kriege beendet« etc. Alles wahr, but who cares?

Von besonderem Interesse war dann noch das Ensemble der geladenen Gäste. Der Spiegel wartet mit einem Spezial-Feature auf: »Das Gästelisten-Kalkül – scrollen Sie sich hier durch Trumps Publikum: MAGA-Prominenz, Olympiagewinner, Veteranen, Terroropfer: Die Gästeliste von Donald Trump ist lang – und durchdacht. Die Demokraten halten dagegen. Sie laden Frauen ein, die Jeffrey Epstein Missbrauch vorgeworfen haben.«

Das Handelsblatt endlich ruft die Präsidentendämmerung aus. »Der Trumpismus funktionierte fast ein Jahr erstaunlich gut. Er funktionierte, weil die politischen Kräfte im In- und Ausland in Schockstarre verharren.« Aber jetzt gilt: »Der Präsident hat nach gut 13 Monaten seiner zweiten Amtszeit den Zenit seiner Macht überschritten.« Projektionen, oder: Das Spiegelbild verzerrter Wahrnehmung ist die verzerrte Wahrnehmung. (brat)

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