Napoleóns Niederlage
Von André Dahlmeyer, Buenos Aires
Einen wunderschönen guten Morgen! Ein kurzer Rückblick. An den ersten drei Spieltagen des Torneo Apertura im argentinischen Balltreten hatte Rekordmeister River Plate zunächst keinen Gegentreffer kassiert. Dann folgte die 1:4-Klatsche gegen Tigre im eigenen Fußballtempel »Monumental«, Tage darauf die Niederlage bei den starken Argentinos Juniors. In der Copa Argentina vermied der Millonario gegen ein Team, das gerade erst in die zweite Liga der Silberländer aufgestiegen ist, Minuten vor Schluss durch ein Elfmetertor das drohende Elfmeterschießen.
Am Wochenende wurde in den beiden Fünfzehnergruppen der Liga über Kreuz gekickt. Die Truppe von Marcelo »Napoleón« Gallardo trat am westlichen Speckgürtel von Buenos Aires beim Tabellenführer der Zona A, Vélez Sarsfield, an. Die hatten im letzten Heimspiel die Boca Juniors besiegt. Nun war River Plate dran.
Erneut war das kollektive Niveau des Rekordmeisters mangelhaft. Fünf Minuten gespielt, und der Sarsfielder Manuel Lanzini antizipiert an der Mittellinie einen Pass von River-Kapitän Juanfer Quinteros. Im Resultat flitzt Matías Pellegrini mit dem Ball auf und davon, Doppelpass mit Lanzini, und der versenkt einen haltbaren (präzise, aber ohne Potenz) Flachschuss von außerhalb des Strafraums gegen den Innenpfosten zum Einsnull für den Fortín. Ausgerechnet der Ex-River! Alle im Stadion freuten sich, Gästepublikum ist in der Hauptstadt nicht erlaubt. River-Tormann Franco Armani, der 39jährige Weltmeister ohne Einsatz, wird zur Pause ausgewechselt – Höchststrafe.
River Plate kommt wacher aus der Kabine. Doch der von Millonarios Bogotá ausgeliehene Zweimeterhüne Álvaro Montero klärt im Tor gegen den eingewechselten Kendry Páez zur Ecke. Ein Volley-Aufsetzer von Gonzalo Montiel landet knapp neben dem Pfosten. Ian Subiabre scheitert nach einem schönen Haken einschussbereit an Montero, der bereits am Boden liegt. Lupfen? Kurz darauf trifft Brian Romero auf der Gegenseite das leere Tor nicht. Montero wehrt einen Kopfball von Facundo Colidio ab. Dann taucht Giuliano Galoppo vor ihm auf, haut den Ball aber volley und völlig frei übers Tor.
River Plate ist der schiere Chancentod. Verantwortlich dafür ist Napoleón Gallardo. Der hat seine Magie verloren, ist glutlos, er erreicht seine Schutzbefohlenen nicht mehr. Zur Pressekonferenz erschien er nicht, auch die Kicker mieden den Medienbereich Zona Mixta.
Am Montag abend das Unvermeidbare. Per Video verkündete der erfolgreichste Trainer der Vereinsgeschichte seinen Rücktritt. Die Niederlage gegen Vélez war die elfte in den letzten 15 Spielen – so schlecht war keiner der 30 Erstligisten. In der Jahreswertung, die für die internationalen Copas qualifiziert, liegt River Plate auf Rang 21. Das letzte Mal, dass River zwölf der letzten 20 Spiele verloren hat, war 1910/11 in der Amateurära. Das letzte Mal, dass River einen Rückstand in einen Sieg umwandelte, war 2024. Der zweite Zyklus Gallardos begann im August 2024. Er dirigierte 85 Matches (35/32/18), ohne jeglichen Titel einzuheimsen.
Am Donnerstag kommt noch eins dazu. River Plate erwartet vor 85.000 Zuschauern den CA Banfield. Die Anhänger werden Gallardo anständig verabschieden. Es sei denn, der nächste Dreier geht flöten. Bei einer Niederlage erwartet Napoleón in jeder Hinsicht ein düsterer Abschied. Bei Verschönerungsaktionen an der Statue, die ihn vor dem Stadion zeigt, wird es dann kaum bleiben.
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