Gründe zum Trinken
Von Gabriele Damtew
Der Sonntag schenkte uns einen echten Ostklassiker ein. Nein, kein Rotkäppchen, Aue gegen Cottbus, live im öffentlich-rechtlichen TV. Eleganz war von dieser Partie traditioneller Rivalen nicht zu erwarten, eher bedingungslose Opferbereitschaft. Eben ein richtiges Ostderby im strömenden Regen. Aue als einer der kleinsten Vereine im sogenannten bezahlten Fußball befindet sich nicht nur im Jubiläumsjahr – die große Sause zum 80. Geburtstag steigt Anfang März –, sondern auch auf einem Abstiegsplatz aus Liga drei. Statt des entlassenen Jens Härtel darf sich nun der neue Trainer Christoph Dabrowski auf Party freuen. Gründe zum Trinken gibt es aber auch so genug.
Cottbus lag vor den Sonnabendspielen noch mit zwei Punkten in Führung, doch die hartnäckigen Verfolger Duisburg und Osnabrück waren mit Siegen knapp vorbeigezogen. Für beide Teams ging es also um einiges. Über 12.000 Schlachtenbummler, so das vielsagende Wort in der DDR für Fußballfans vor Ort, wollten hautnah dabei sein, 2.000 davon aus der Lausitz. Die mussten schon nach vier Minuten das erste Tor von Aue mitansehen. Torjäger Marcel Bär ließ den großen King Manu (auf Leihbasis aus Düsseldorf) aussteigen und schlenzte den Ball ins linke obere Eck. Hochstimmung im Erzgebirgsstadion, die allerdings nur Minuten währte. Ecke von Mittelfeldass Tolcay Ciğerci auf Lukas Michelbrink, der den Ball hoch in den Strafraum bugsierte, wo Manu mit 1,95 Meter seinen Höhenvorteil eiskalt, und sicher nicht ohne Rachegelüste, zum Kopfballtor nutzte. Keine Chance für Martin Männel, Aues Superstar im Tor. Bis zur Pause behielt keiner die Oberhand, Großchancen gab es nicht, nur viel Bemühtheit.
Nach Wiederanpfiff stürmte vor allem Aue. Plötzlich kam noch mehr Bewegung ins Stadion, abseits des regengetränkten Rasengrüns. Vermummte schwarzgekleidete Spaziergänger in Richtung Gästeblock sahen sich in kürzester Zeit (!) ihrerseits Trägern von Balaclavas gegenüber, dazu noch mit Helmvorteil, was sie bewogen haben mochte, den Vorstoß abzubrechen und den Rückzug anzutreten. Dieser fast schon choreographiert wirkende Mummenschanz trug absurde Züge. Ja, es soll im Vorfeld immer mal wieder Zoff zwischen einigen Fans von da und dort gegeben haben. Der routinierte Schiri Lukas Benen wollte dies den hart arbeitenden Feldspielern jedenfalls nicht zumuten und schickte sie für einige Minuten zum Trocknen in die Kabinen.
Einen Wiederanpfiff später ist Aue erneut am Drücker. Cottbus’ Trainer Pele Wollitz, unter der Woche noch krankheitsbedingt im Bett, wechselt, was das Zeug hält. Tolga Ciğerci kommt rein. Soll auf einige Kohle verzichtet haben, um mit seinem Brüderchen zu spielen. Also, Tolcay setzt zum Freistoß an und sieht natürlich seinen großen Bruder ganz rechts neben dem Tor. Zielt haarscharf auf dessen Kopf. Tolga leitet wie eingespielt weiter zur Mitte auf Kapitän Axel Borgmann, der zur Führung versenkt. Cottbus wieder Erster, Aue weiter Erster der Letzten, aber am Leben.
Meine Einladung zur Fete muss in der Post verlorengegangen sein.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Mehr aus: Sport
-
Fleißiges Medaillensammeln
vom 24.02.2026 -
Das war fällig
vom 24.02.2026