Drillen, hochnehmen, schleifen
Die Herren Militaristen sind keineswegs dumm. Das beweist ihr mit äußerster Schlauheit durchgeführtes Erziehungssystem. Sie spekulieren mit beachtenswertem Geschick auf die Massenpsychologie. Wenn das friderizianische, aus Söldnern und dem Auswurf der Bevölkerung bestehende Heer durch Gamaschendrill und Prügel für seine viel mechanischeren Aufgaben zusammengehalten werden konnte, trifft dies für unsere aus der Gesamtbevölkerung mit ihrer gesteigerten Intelligenz und Moral zusammengesetzte, auf Grundlage einer Bürgerpflicht aufgebaute Armee bei ihren weit höheren Anforderungen an den einzelnen nicht mehr zu. Das haben die Scharnhorst und Gneisenau, deren Armeeorganisation mit Verkündigung der »Freiheit des Rückens« einsetzt, sofort scharf erkannt. Dennoch gehören schlechte Behandlung, rohe Beschimpfung, Prügel und alle möglichen Arten raffiniert grausamer Misshandlung zum eisernen Bestand auch unsres heutigen militärischen Erziehungssystems.
Die Stellung, die man auf militaristischer Seite den Soldatenmisshandlungen gegenüber einnimmt, richtet sich selbstverständlich nicht nach Ethik, Kultur, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Christentum und ähnlichen schönen Sachen, sondern nach puren jesuitischen Zweckmäßigkeitsgesichtspunkten. Ihre verborgene Maulwurfsgefährlichkeit für die Disziplin und den »Geist« in der Armee selbst ist bis heute noch längst nicht zur allgemeinen Erkenntnis gelangt. Das »Schäften« der Rekruten und unbequemen Mannschaften durch die alten Leute, die rohen Kasernenhofblüten und gemeinen Schimpfreden aller Art sowie ein beträchtliches Maß von Püffen, Stößen, Schlägen und dergleichen, von »Hochnehmen« und »Schleifen« der Mannschaften wird bis zum heutigen Tage von der Mehrzahl der Unteroffiziere und selbst der Offiziere, die, dem Volke entfremdet und feind, zu borniertesten Gewaltpolitikern en miniature dressiert sind, im Innersten ihres Herzens skrupellos gutgeheißen, ja geradezu als notwendig angesehen. Der Kampf gegen diese Exzesse stößt daher von vornherein auf einen schier unüberwindlichen passiven Widerstand. Nicht offen, aber heimlich kann man es jeden Tag hören, wie Vorgesetzte das Verlangen nach menschenwürdiger Behandlung der »Kerls« als törichte Humanitätsduselei bezeichnen. Der Dienst der Waffen ist ein rauher Dienst. Aber auch, soweit man bis zur Erkenntnis jener in der Tiefe wühlenden Maulwurfsgefährlichkeit der Disziplinarmisshandlungen durchgedrungen ist, befindet man sich wieder in einer jener Zwickmühlen, in die ein sich der natürlichen Entwicklung entgegenstemmendes Gewaltsystem auf Schritt und Tritt geraten muss. Jene Misshandlungen sind eben unentbehrliche Hilfsmittel des äußeren Drills, dessen der kapitalistische Militarismus, für den die innere freie Disziplin doch unerreichbar bleibt, faute de mieux nicht entraten kann. (…)
Die Militärmisshandlung entspringt dem innersten Wesen des kapitalistischen Militarismus. Das Mannschaftsmaterial ist zu einem großen Teil geistig und zu einem noch größeren Teile körperlich den militärischen Anforderungen, vor allem denen des Paradedrills, nicht gewachsen. Es treten immer mehr junge Leute mit einer Lebensauffassung in die Armee ein, die dem militärischen Geiste gefährlich und feindlich ist. Es gilt, den »Kerls« ihre bisherige Seele gewissermaßen herauszureißen und eine neue patriotisch-königstreue Seele hineinzustopfen. Alle diese Aufgaben sind selbst für den geschicktesten Pädagogen unlöslich, geschweige denn für die Sorte von Pädagogen, die dem Militarismus zu Gebote stehen, der auch hier, mehr als ihm lieb, sparen muss.
Und diese militaristischen Pädagogen haben keinerlei gesicherte Existenz. Sie sind von dem Wohlwollen, von der Willkür der Vorgesetzten gänzlich abhängig und haben jeden Augenblick zu gewärtigen, einfach aufs Pflaster geworfen zu werden, wenn sie ihre Hauptaufgabe nicht erfüllen, den Soldaten nach dem Bilde des Militarismus zu formen – ein ausgezeichnetes Mittel, den gesamten Apparat von militärischen Vorgesetzten (Offizieren und Unteroffizieren) in der Hand der Kommandogewalt aufs äußerste gefügig zu machen. Dass solche Vorgesetzte mit nervöser Rücksichtslosigkeit drillen, ist selbstverständlich, dass es dabei bald heißt »und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt« und dass die Gewalt bei der absoluten, auf Leben und Tod gehenden Macht des Vorgesetzten gegenüber den bedingungslos unterworfenen Untergebenen schließlich in Form von Misshandlungen zur Anwendung gebracht wird, ist eine natürliche und menschlich-notwendige Verkettung, in die sich auch der neugebackene japanische Militarismus mit aller Promptheit fest verstrickt hat. Auch in dieser Zwickmühle sitzt der Militarismus fest.
Karl Liebknecht: Militarismus und Antimilitarismus unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Jugendbewegung. Leipzig 1907. Hier zitiert nach: Karl Liebknecht: Gesammelte Reden und Schriften, Band I. Dietz-Verlag, Berlin 1958, Seiten 311–318
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