Herrenvolk ohne Konzept
Von Arnold Schölzel
Der CDU könnte es nach allen Maßstäben des Parlamentarismus gut gehen. Sie stellt den Bundeskanzler. Die SPD ist in der Koalition zu allem bereit, wenn es der Aufrüstung dient. Die CSU achtet darauf, dass das AfD-Programm für Migranten durchgesetzt, aber öffentlich breit von »Brandmauer« schwadroniert wird. Die drei stehen zusammen mit Bündnis 90/Die Grünen im Wettbewerb um die wildeste antirussische Hetze und um die fanatischste Unterstützung des Völkermords in Gaza. Der Kriegskeynesianismus, den Teile des deutschen Monopolkapitals seit 2022 durchsetzten, erhielt bei den Bundestagswahlen vor einem Jahr eine Massenbasis, mit den mehr als 150 AfD-Abgeordneten eine Dreiviertelmehrheit im Parlament. Friedrich Merz ist Repräsentant dieser reaktionären Wende.
Dennoch sind er und die CDU mindestens verunsichert. Die Umfragewerte für Merz und Regierung liegen noch unter denen für Olaf Scholz und dessen »Ampel«. Die Parole »Wachstum durch Rüstung« und die grenzenlose finanzielle Entfesselung der Waffenbeschaffung ließen bisher nur die Aktienkurse von Rheinmetall und Co. explodieren, die deutsche Industrie steckt wie seit 2018 in Stagnation und Rezession fest. Eine Strategie, um das Zurückfallen bei Spitzentechnologien zu stoppen, um Innovation zu fördern, ist nicht erkennbar. Der Abbau von mehr als 120.000 Industriearbeitsplätzen im ersten Jahr der Merz/Klingbeil-Regierung ist ein Symptom, von dem einige Ökonomen meinen, es zeige einen Strukturbruch, eventuell einen Absturz an.
Was soll ein CDU-Vorsitzender in dieser Problemlage auf einem Parteitag sagen? Am besten nichts, auf keinen Fall Konkretes. Merz hat das mit einer 75minütigen Rede geschafft. Die Show bürgerlicher Parteitage sieht vor, dass die Delegierten möglichst oft mit »Zuversicht«, »Optimismus«, »jetzt geht’s los« usw. aus dem Schlaf gerissen werden. In Stuttgart streute Merz das Hoffnungsvokabular reichlich und trat als »Volkspartei«-Chef auf. Zum Inneren gab’s wenig, viel zum Äußeren. Merz räumte ein, dass sich in der Bevölkerung »Zweifel am Wohlstandsversprechen« des BRD-Kapitalismus ausbreiten, dass das »deutsche Geschäftsmodell« nicht mehr funktioniert und eine Besserung auf sich warten lassen werde. Die soll durch »ehrgeizige Ziele setzen« kommen. Kein Angriff auf den »Sozialstaat«, sondern: Er müsse finanzierbar gemacht werden.
Da redete einer schaumgebremst, weil er sichtbar kein Konzept für die innere Großkrise hat beziehungsweise nichts, was über Aufrüstung hinausgeht. Nach außen bleibt dafür imperiale Arroganz. Vier Tage vor seiner China-Reise belehrte er seine Gastgeber, sie beanspruchten, »eine neue multilaterale Ordnung nach eigenen Regeln zu definieren«. Meinungs-, Religions- und Pressefreiheit kämen »in diesem Verständnis nicht vor«. Der Mann hält auch im Niedergang am Herrenvolk fest.
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Leserbrief von Roland Weinert (23. Februar 2026 um 08:16 Uhr)Deutsche Kriege können aus verschiedensten Gründen provoziert und geführt werden: aus rassistischen/imperialistischen/ideologischen ab 1870/1871, 1914 und 1939, aus umwelt-/NATO-Expansionsideologischen und vielen anderen mehr. Mich schaudert seit geraumer Zeit: Geboren wurde ich im Jahre 1960, politisch-grün-friedenssozialisiert in den 70er/80er Jahren (Demos in Bonner Hofwiesen usw.). Die Jahre 1989 ff. inkl. Gorbatschows Perestroika-Politik stimmten mich so friedensfroh, ja glücklich. Ich dachte: Endlich ist dieser Ost-West-West-Ost-Antagonismus zu Ende! – Sprachlos, schockiert, entsetzt, deprimiert sehen Sie mich, weil Europa nicht 40 Jahre später – und nicht 100 Jahre nach dem Ende des verheerenden Zweiten Weltkrieges – wieder vor einem gesamteuropäischen Flächenkrieg steht, welcher das Zeug zum militärischen Weltkrieg hat. Und wieder ist Europa der Ausgangspunkt. Fassen kann ich das alles nicht, so gar nicht, auch wenn ich Historiker bin qua Studien. Ferner nehme ich seit 2022 eine zunehmende Verherrlichung des Kriegs als »normalste Sache der Welt« wahr … Das alles erinnert sehr an die Kriegsbegeisterung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Auch sehe ich seit dem Jahre 2000 (verstärkt seit den Jahren 2015/2022), wie die Hirne der Menschen vor allem auch durch die Medien (ÖRR insbesondere) vollkommen vergiftet werden. Begrifflichkeiten, Maßstäbe usw. werden strategisch umgedeutet, Kriegsmahner/Pazifisten übelst ausgegrenzt … Tja, mir fällt nichts mehr ein als schiere Verzweifelung. Ohne weitere Worte, Roland Weinert. P.S.: Am deutschen Wesen wird die Welt nicht genesen. Wieder einmal und Gott sei Dank nicht, Herr Merz (von der NAZI-Adenauer-Nachkriegsdeutschland-CDU).
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Leserbrief von Frank Seibold (22. Februar 2026 um 14:45 Uhr)Da hat sich der Bundeskanzler mal die Arroganz nach innen für einen Tag verkniffen. Das kommt dann kommende Woche wieder. Dass das immer noch so viele Menschen im Lande gut finden, kann ich mir nicht erklären. Er hat es doch bereits vor vier Jahren deutlich gesagt: 10.3.2022 »Merz plädiert für Stopp von Gaslieferungen durch Nord Stream 1 – Angesichts der ›massiven Kriegsverbrechen‹ Russlands in der Ukraine sei eine solche Eskalation notwendig. Merz sagte, mit einem solchen Schritt gehe eine Einschränkung der Gasversorgung in Deutschland einher. ›Wir sind der Meinung, dass wir das akzeptieren müssten angesichts der Lage, die dort entstanden ist.‹« https://www.spiegel.de/politik/deutschland/friedrich-merz-plaediert-fuer-stopp-von-gaslieferungen-durch-nord-stream-1-a-f8526b26-1d3a-4872-82aa-c287fa3dfbf0 Nord Stream 2 war da bereits durch Habecks Stopp des Zertifizierungsverfahrens Geschichte. Der Black-Rock-Kanzler hat weder etwas für die deutsche Wirtschaft, noch für seine Menschen irgendetwas übrig.
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