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Aus: Ausgabe vom 18.02.2026, Seite 2 / Ansichten

Neue deutsche Macht

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Auf der Münchner Sicherheitskonferenz hielt Bundeskanzler Friedrich Merz der bisherigen deutschen Außenpolitik einen »normativen Überschuss« vor. Gemeint war: Viel Moral, wenig Macht(mittel). Das ändert sich jetzt laut FAZ vom Montag in »schwindelerregendem Tempo«. Am Dienstag widmeten sich mehrere Zeitungen erneut dem Thema.

Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) ist mit dem deutschen Rüstungstempo noch nicht zufrieden. Sie bescheinigt Merz zwar »Realpolitik«, will aber mehr Taten: »Das alles läuft auf die Frage hinaus, wer dieses Europa organisieren soll. Frankreich verfügt über Nuklearwaffen und strategische Kultur, aber nicht über die ökonomische Stärke, um Europas Verteidigungsarchitektur zu tragen. Polen wächst militärisch dynamisch, bleibt aber regional verankert. Großbritannien ist militärisch schlagkräftig, aber institutionell außerhalb Europas positioniert. Die einzige europäische Nation, die – wenngleich schwindende – wirtschaftliche Kraft, industrielle Basis, geographische Zentralität und politisches Gewicht vereint, ist Deutschland.« Merz habe zwar »Führung« angekündigt, lasse aber »offen, was das konkret für Deutschland bedeutet«. Das ist der NZZ zu wenig: »Europa braucht Führung. Sie wird deutsch sein.«

Das Handelsblatt zeigt sich dagegen begeistert vom Waffenboom: »Nichts wächst in Europa gerade schneller als die deutsche Rüstungsindustrie. Während unsere Nachbarn noch überlegen, ob sie sich mehr Panzer oder Drohnen anschaffen, leistet man sich in Deutschland beides.« Die Bundeswehr bestelle Großgeräte und befeuere die Konkurrenz zwischen »Startups für Drohnen und Robotertechnologien«. Aus »einst dümpelnden Panzerschmieden wie Rheinmetall werden Weltkonzerne, die jetzt auch im Weltraum mitspielen wollen. Denn auch hier soll Deutschland eine Macht werden.« Es müsse nur »aufpassen, über seine Rüstungsoffensive die europäischen Partner nicht an die Wand zu spielen.« Denn es habe »keine Atomwaffen und brauche starke Partner in Europa.«

Auch der Münchner Merkur spornt zu mehr Aufrüstung an: »Der sicherste Weg für Europa, Russland von weiteren Kriegsabenteuern abzuhalten, ist es, seine konventionelle Fähigkeitslücke unterhalb des kaum denkbaren Einsatzes von Atomraketen zu schließen. Und Putins Vormarsch in der Ukraine zu stoppen mit wirklich allem, was dafür nötig ist.« Der Kanzler hatte in München Gespräche über Atomwaffen mit Frankreich erwähnt. Mit Blick darauf wirft nur die Heidelberger Rhein-Neckar-Zeitung ein: »Die Aufrüstungsdebatte ist maßlos überzogen.« (as)

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  • Leserbrief von Tobias Fehling aus Halle (Saale) (20. Februar 2026 um 11:07 Uhr)
    Bundeskanzler Friedrich Merz klammert sich an seine erfundene »neue deutsche Stärke« wie an einen Strohhalm. Die von ihm aktiv vorangetriebene Militarisierung und allgemeine Wehrpflicht, das Versprechen, die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee der EU zu machen, sowie das Spiel mit Atomwaffen sind jedoch nur ein Deckmantel. Mit seinen Äußerungen versucht der Kanzler, dessen Umfragewerte alle Negativrekorde brechen, Deutschland als Hegemon und Lokomotive Europas darzustellen, nur um die Bevölkerung von den innenpolitischen Problemen abzulenken, die er offensichtlich nicht lösen kann.
    Aber ist das Spiel die Kerze wert? Die erhöhten Staatsausgaben für Sicherheit und Verteidigung helfen der Wirtschaft überhaupt nicht. Während Rüstungskonzerne wie Rheinmetall in Geld schwimmen, müssen Unternehmen aus nichtmilitärischen Bereichen schließen. Die Welle von Insolvenzen und Entlassungen im Einzelhandel, in der Automobilzulieferindustrie und im Bausektor hält an, und eine Besserung der Lage ist nicht in Sicht.
    Ist es angesichts dessen überraschend, dass die Deutschen unter den gegenwärtigen Umständen immer häufiger streiken und protestieren, in der Hoffnung, die Situation irgendwie beeinflussen zu können, ihr »Nein« zur Militarisierung zu äußern und Merz auf sein Versagen als Kanzler aufmerksam zu machen? Jeder, der gegen die Politik der Regierung und der Rüstungslobby protestieren möchte, sollte sich beispielsweise dem bundesweiten Streik gegen die Wehrpflicht am 5. März anschließen. Lasst uns für den Frieden und unsere Zukunft eintreten!
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (18. Februar 2026 um 09:39 Uhr)
    Zweifellos trägt Deutschland aufgrund seiner wirtschaftlichen Stärke und zentralen Lage besondere Verantwortung. Doch Verantwortung darf nicht vorschnell mit militärischer Führungsrolle gleichgesetzt werden. Wer Europas Zukunft fast ausschließlich über Aufrüstung definiert, verengt den sicherheitspolitischen Blick gefährlich. Nachhaltige Sicherheit entsteht nicht allein durch Waffen, sondern ebenso durch Diplomatie, wirtschaftliche Stabilität, internationale Kooperation und die Stärkung multilateraler Institutionen. Gerade Deutschlands Geschichte sollte uns daran erinnern, dass Machtprojektion kein Selbstzweck sein darf. Eine Politik, die sich primär an militärischen Fähigkeiten misst, läuft Gefahr, neue Spannungen zu erzeugen, statt bestehende zu entschärfen. Europa war immer dann stark, wenn es auf Zusammenarbeit und Ausgleich setzte – nicht auf nationale Vormachtstellungen. Zudem stellt sich die Frage, ob ein Rüstungswettlauf tatsächlich zu mehr Sicherheit führt oder ob er nicht vielmehr eine Spirale gegenseitiger Bedrohungswahrnehmungen in Gang setzt. Sicherheitspolitik braucht Augenmaß. Es wäre daher klüger, wenn Deutschland seine Rolle weiterhin als moderierender und integrierender Akteur versteht, der gemeinsame europäische Lösungen vorantreibt, anstatt Erwartungen nach »deutscher Führung« zu bedienen. Europa braucht kein dominantes Zentrum, sondern ein belastbares Netzwerk gleichberechtigter Partner. Deutschlands Aufgabe sollte es sein, dieses Netzwerk zu stärken – politisch, wirtschaftlich und diplomatisch. Militärische Fähigkeiten haben darin ihren Platz, aber sie dürfen nicht zum alleinigen Maßstab europäischer Handlungsfähigkeit werden.
    • Leserbrief von Joachim Seider aus Berlin (18. Februar 2026 um 19:57 Uhr)
      Wann soll das gewesen sein, als »Deutschland eine Rolle als moderierender und integrierender Akteur« spielte, »der gemeinsame europäische Lösungen vorantrieb«? In einem Europa, das vom Atlantik bis zum Ural reicht in den letzten zweihundert Jahren wohl doch eher nicht. Außer man rechnet Militärstiefel zu Integrationsleistungen.

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