junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Gegründet 1947 Donnerstag, 2. April 2026, Nr. 78
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
junge Welt - 2 Wochen gratis testen! junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
junge Welt - 2 Wochen gratis testen!

Hirse

Von Helmut Höge
Helmut_Hoege_Logo.png

Unser kleiner, zur Jahrtausendwende gegründeter Biologiearbeitskreis »Antidarwin« hatte sich schon einmal mit Bertolt Brechts Gedicht »Erziehung der Hirse« befasst. Damals wurde fast täglich ein neues Gen isoliert: Neidgen, Schönheitsgen, Eifersuchtsgen usw. Inzwischen ist der Genhype abgekühlt. Der Biologe Bernhard Kegel schreibt in seinem Buch »Epigenetik« (2009): Das »genzentrische Weltbild« sei allzu simpel. Weiter: »Selbst Craig Venter, der sich vor wenigen Jahren mit seinen Sequenzierrobotern an vorderster Front der biomedizinischen Forschung sah, muss heute eingestehen: ›Im Rückblick waren unsere damaligen Annahmen über die Funktionsweise des Genoms dermaßen naiv, dass es fast schon peinlich ist.‹« Und: »›Wir müssen blind gewesen sein‹, seufzte der Entwicklungsgenetiker Timothy Bestor von der New Yorker Columbia University gegenüber dem Scientific American angesichts eines ganzen ›Universums‹ ungeahnter und unerwarteter Phänomene. Über Vererbung und Evolution muss neu und intensiv nachgedacht werden.«

Dieses Eingeständnis verdankt sich nicht zuletzt der Endosymbiontentheorie der US-Mikrobiologin Lynn Margulis. Ihre lange Zeit abgelehnte Symbioseforschung findet sich inzwischen in den Lehrbüchern und auf der Agenda etlicher Forschungsinstitute. Ihr Buch »Die andere Evolution« hat man 2018 neu veröffentlicht – unter dem Titel »Der symbiotische Planet oder wie die Evolution wirklich verlief«. Laut Margulis sind Genmutationen selten und oft schädlich; die Evolution verlief vielmehr über Symbiosen zwischen verschiedenen Arten. Im übrigen meinte sie, ihre Kollegen »interessieren sich heute nicht mehr für die Geschichte des Lebens auf der Erde, sondern vor allem dafür, bessere Tomaten zu machen«.

In der Sowjetunion ging es in den Jahren nach 1928 darum, mehr Hirse von den Äckern der Kolchosen zu ernten. Und zwar mit den antidarwinistischen Ideen des damals führenden Agrarbiologen der UdSSR, Trofim Lyssenko, und einer Reihe weiterer Agrarforscher. »Die Erziehung der Hirse« entstand nach einem Bericht von Gennadi Fisch: »Der Mann, der das Unmögliche wahrgemacht hat«. Fischs Reportage erschien 1949 in dem Band »Die Volksakademie«. Brechts Gedicht wurde zuerst 1950 im Neuen Deutschland und in der Zeitschrift Sinn und Form veröffentlicht, dann von Paul Dessau vertont und im Oktober 1954 in Halle (Saale) als »Poem« uraufgeführt. Der Held im Gedicht, der erstmalig eine Rekordernte erzielte, ist der kasachische Nomade Tschaganak Bersijew. Dies sollten ihm die anderen Kolchose im Land nachmachen.

Im Jahr zuvor, 1953, war auf deutsch das Buch »Die Welt soll blühen« des sowjetischen Biologiehistorikers Wadim Safonow erschienen. Dort heißt es: »Der Beschluss der Partei und der Regierung ›Über Maßnahmen zur Sicherung stabiler Hirseerträge in den Dürrebezirken des Südostens der UdSSR‹ wurde am 26. Oktober 1938 angenommen. Danach sollte im Jahr 1939 ein Ertrag von nicht weniger als je 15 Doppelzentner je Hektar auf 500.000 Hektar sichergestellt werden. Die Führung in diesem Kampf um die Steigerung der Hirseerträge übernahm die Lenin-Akademie für Agrarwissenschaften und ihr Präsident Lyssenko.«

Dieser war gerade zum stellvertretenden Vorsitzenden des Obersten Sowjets gewählt worden und von Odessa nach Moskau gezogen – wo er dann die Konzeption einer »proletarischen Biologie« entwarf, die sich zwar auf Darwin berief, jedoch gegen die »bürgerlichen Genetiker« gerichtet war, die alle Ertragssteigerungen in der Landwirtschaft mit genetischen Manipulationen erreichen wollten, damals aber noch weit davon entfernt waren, praktische Ergebnisse vorweisen zu können.

In all den sowjetischen Texten ist viel von »Befehlen«, »Kampf« und »riesigen Anstrengungen« die Rede. Die Bücher und Kongressberichte wurden alle sogleich ins Deutsche übersetzt, um sie der Leserschaft in der DDR zugänglich zu machen. Von Fehlern, Pfusch, Drückebergerei oder geschönten Statistiken ist da nicht die Rede. Dabei weiß man doch von Nietzsche: »Auch im Gehorchen liegt ein Widerstreben; es ist die Eigenmacht durchaus nicht aufgegeben.« Zudem waren die Kolchosniki immer noch unzufrieden mit der Kollektivierung, und die administrierten lyssenkistischen Vorschläge muteten ihnen noch mehr Arbeit als bisher zu.

Probeabo

Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
 

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Ähnliche:

  • Die Bodenreform war prägend für die DDR. Auf einer 1.-Mai-Demons...
    17.10.2025

    Junkerland in Bauernhand

    Vor 80 Jahren führten die Länder der Sowjetischen Besatzungszone eine Bodenreform durch. Großgrundbesitzer mit mehr als 100 Hektar Land wurden entschädigungslos enteignet
  • Auf dem ersten Parteitag der neuformierten KP Kubas im Dezember ...
    16.08.2025

    Den Weg geebnet

    Vor 100 Jahren wurde die erste Kommunistische Partei Kubas gegründet, Vorgängerin von Fidel Castros PCC
  • Saigaantilope mit charakteristischer Rüsselnase
    29.07.2025

    Vor dem Aussterben gerettet

    In den vergangenen Jahren haben sich die Bestände der Saigaantilope in Russland und Kasachstan wieder erholt. So sehr, dass sie jetzt wieder gejagt werden

Mehr aus: Feuilleton