Ziemann, Klein
Von Jegor Jublimov
Fast vergessen ist heute, dass Walter Felsenstein, der große Zauberer des Musiktheaters in der DDR, auch Filmregisseur war. In seinem ersten Film »Ein Windstoß« (1942) nach einer italienischen Vorlage spielte Paul Kemp einen vermeintlichen Sittenstrolch, der sich im Nachthemd einer Minderjährigen nähert. Das war das Filmdebüt der damals 15jährigen Tänzerin Sonja Ziemann aus Eichwalde, die fortan eine Filmlaufbahn antrat, die sie nach Kriegsende auch zur Defa führte. In der Adaption der komischen Oper »Die lustigen Weiber von Windsor«, die kurz vor Weihnachten 1950 im Leipziger Kino Capitol Premiere hatte, konnte sie neben Camilla Spira und Claus Holm ihr Talent auch in der DDR zeigen. Da hatte mit der Operette »Schwarzwaldmädel« (1950) ihre Karriere im bundesdeutschen Heimatfilm gerade begonnen.
Mit ihrem 20 Jahre älteren Filmpartner Rudolf Prack bildete sie eins der Traumpaare der Wirtschaftswunderjahre. Von diesem Image konnte sie sich nur langsam lösen und begann 1958 mit Aleksander Fords deutsch-polnischem Liebesfilm »Der achte Wochentag« den Wechsel zur Charakterdarstellerin, als die sie sich auch 1959 in Gottfried Reinhardts Vicki-Baum-Verfilmung »Menschen im Hotel« neben Gert Fröbe erwies. Damit begann ein Jahrzehnt, in denen Ziemann in internationalen Produktionen neben Richard Widmark oder George Segal auftrat. Lange war sie in ihrem Privatleben unglücklich, doch 1989 heiratete sie ihren Kollegen Charles Regnier, mit dem sie gemeinsam eine Alterskarriere im gehobenen Boulevardtheater erlebte. Sie starb 2020 und wäre am Sonntag 100 Jahre alt geworden.
Das gleiche Alter hätte am Freitag der Publikumsliebling Erik S. Klein aus Radebeul erreicht. Der Sohn einer Textilfacharbeiterin nahm Schauspielunterricht beim legendären Erich Ponto, der ihm schon 1942 mit 16 Jahren das Debüt in Dresden ermöglichte. Das Kriegsende erlebte er in belgischer Gefangenschaft als Bergarbeiter. Sein erstes größeres Engagement folgte 1950 in Cottbus, und schon 1954 kam er zu Brecht und Weigel ans Berliner Ensemble, danach ans Deutsche Theater, ehe er 1970 für zwei Jahrzehnte ins Ensemble des DFF wechselte.
Für Charakterrollen im Film hatte Konrad Wolf Klein für den antifaschistischen Film »Sterne« (1959) entdeckt, der in Cannes ausgezeichnet und ein internationaler Erfolg wurde. Auch in Frank Beyers »Nackt unter Wölfen« (1963) spielte Klein einen Nazi – und dessen Perfidie sowie Brutalität äußerst glaubwürdig. Auf diese Rollen wollte er sich aber nicht festlegen lassen. So gab er 1964 neben Marion van de Kamp und Manfred Krug in dem Mantel- und Degenlustspiel »Mir nach, Canaillen!« einen ziemlich lächerlichen August den Starken. Viel arbeitete er fürs Fernsehen, besonderen Publikumserfolg hatte er in Komödien wie »Aber, Vati!« (1974–1979), spielte aber daneben bei der Defa in Adaptionen von Theodor Fontane (»Unterm Birnbaum«, 1973) oder Ehm Welk (»Die Gerechten von Kummerow«, 1982). Mit 70 Jahren stürzte er auf einer Treppe, wovon er sich nicht mehr erholte. Er starb sechs Jahre später.
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