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Frost (30 Jahre danach)

Von Marco Bertram
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Nie zuvor und auch nie danach hatte ich dermaßen gefroren: Legia vs. Spartak Moskau (6.12.1995)

Gefrorene Bürgersteige, kalte Brise, eine Generalabsage des Berliner Fußballverbandes. Da aktuell nur in den Profiligen das runde Leder rollt, bleibt mir nur eine Zeitreise. Wir dürfen uns trösten: Vor 30 Jahren war es noch weitaus ungemütlicher! Unvergessen, als wir zu zweit am Nikolaustag 1995 mit dem Nachtzug nach Warschau fuhren, um das Cham­pions-League-Duell Legia vs. Spartak Moskau zu sehen. Unser Ausflug war die Härte! Sibirische Kälte, eine steife Brise aus Nordost, gefühlte minus 35 Grad – nie zuvor und auch nie danach hatte ich dermaßen gefroren wie im alten Stadion Wojska Polskiego. In meiner heimischen Erdgeschossbude in der Bornholmer Straße froren derweil in der Küche die Rohre ein, und als ich diese dummerweise mit einem Heizlüfter auftauen wollte, durfte ich mich an einem Springbrunnen unter der Spüle erfreuen. Der Winter 1995/96 war eine echte Herausforderung, und wie heute mussten wir alle recht lange warten, bis endlich die Spiele in den Amateurligen angepfiffen werden durften.

Zum Jahreswechsel 1995/96 war Hertha BSC im Mittelfeld der zweiten Bundesliga zu finden, zum arg frostigen Heimspiel vor Weihnachten verloren sich gegen die Wölfe aus der VW-Stadt sage und schreibe 3.125 Zuschauer im weiten Rund des Olympiastadions. Immerhin 8.099 waren es am 8. März 1996, als Carl Zeiss Jena zu Gast war. Trotz Führungstreffer durch Niko Kovač versemmelte die Alte Dame die Partie am Ende mit 2:4. Der lang ersehnte Aufstieg ins Fußballoberhaus sollte erst im Jahr darauf gelingen.

Und die anderen großen Vereine unserer Stadt? Die Eisernen aus Köpenick und die Weinroten aus Hohenschönhausen, die damals als FC Berlin antraten, waren in der Regionalliga Nordost zu finden. Nach den drei Jahren Tristesse in den drei Oberligastaffeln Nord, Mitte und Süd war die Einführung der Regionalliga zur Saison 1994/95 ein Quantensprung. Nach Abstieg und Lizenzentzug war plötzlich auch Dynamo Dresden in der Spielzeit 1995/96 mit von der Partie. Am Ende Staffelmeister wurde allerdings mit TeBe kein ehemaliger DDR-Vertreter. Der 1. FC Union Berlin wurde nur Zweiter und watete weiterhin durch das Tal der Tränen. Am 9. Dezember 1995 sahen nur 987 Leidende das 0:1-Trauerspiel gegen die Füchse. Beim Duell FC Berlin vs. Hertha BSC II waren es sogar nur 156 Unentwegte. Wie gesagt, das Wetter war an Ungemütlichkeit kaum zu toppen. Bei wärmerem Wetter kamen damals durchaus mehr Zuschauer zu Union und zum BFC. Zu den Heimspielen gegen Dresden kamen 5.131 bzw. 2.000 Fußballfreunde, und zum Spitzenspiel Union vs. TeBe strömten am 14. April 1996 über 9.000 Zuschauer in die Alte Försterei. Lang ist’s her, und es sollte noch bis zum Frühjahr 2001 dauern, bis die Eisernen den Aufstieg in Liga zwei packen sollten.

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