Gegründet 1947 Freitag, 20. März 2026, Nr. 67
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben

Weltweite Besenderung

Von Helmut Höge
Helmut_Hoege_Logo.png

Die Biologen wollen allen Ernstes alle Wildtiere, die es noch gibt, mit GPS-Sendern ausrüsten. Alle. Und tatsächlich ist schon jetzt kein Tier mehr sicher vor den Betäubungsgewehren, Fallen und Fangnetzen der Biologen, um sie mit verschiedenen technischen Geräten – Geolokatoren, eBirds, Funksendern, Infrarotkameras, Satellitensendern, Nanotags u. v. a. m. – auszurüsten, mit denen ihre Bewegungen in Raum und Zeit verfolgt werden. Ein einziger Satellitensender kostet laut Scott Weidensauls »Auf Schwingen um die Welt: Die globale Odyssee der Zugvögel« (2022) mehrere tausend US-Dollar und die Jahresgebühren für die Satellitennutzung weitere Tausende. Zudem hat man angefangen, die Sender mit KI zu optimieren.

»Vor zehn, zwanzig Jahren war das Tracking in Deutschland ein totales No-Go, heute ist es Normalität«, sagt die Medienpsychologin Sabine Trepte, die eine 24jährige Tierpflegerin namens Elisa Mende zitiert: »Je mehr wir uns im Digitalen verbinden, desto schwerer fällt der Kontakt im Analogen.«

2024 schrieb der Tagesspiegel, dass »auch in den Berliner Zoo die künstliche Intelligenz eingezogen ist: Wenn die Löwen Mateo und Elsa derzeit lautstark brüllen, werden sie dabei genau vermessen. Ein spezielles Halsband mit Sensoren zeichnet ihre Bewegungen bis in die kleinsten Vibrationen auf. Gleichzeitig filmt eine Kamera, die im Gehege installiert ist, ihr Verhalten. Die Daten, die über das Halsband an Computer gesendet werden, sollen zum Artenschutz wildlebender Löwen beitragen.«

Da diese in afrikanischen Nationalparks ebenfalls mit Sendern bestückt werden, kann man sich fragen, was für einen Erkenntnisgewinn die Daten aus dem Westberliner Zoo dann noch bei der Erforschung wildlebender Löwen bringen sollen. Wahrscheinlich geht es bloß darum, das »neue Tool KI« einzusetzen, um damit zu demonstrieren, wie modern doch dieser schrecklich veraltete und enge Zoo mitten im Stadtzentrum ist.

Der Münchner »Kommunikationsexperte« Alexander Pschera veröffentlichte 2014 das Buch »Das Internet der Tiere. Der neue Dialog zwischen Mensch und Natur«, in dem er sich für die Besenderung von Tieren durch den Biologen Martin Wikelski begeisterte. Wikelski, der dazu das Vorwort schrieb (er ist für Pschera »ein Humboldt des Digitalen«), veröffentlichte 2024 selbst ein Buch: »The Internet of Animals. Was wir von der Schwarmintelligenz des Lebens lernen können«, in dem er über die weltweite Besenderung von bisher 375.000 Tieren aus über 1.000 Arten berichtet, die u. a. vom ICARUS-Projekt der Max-Planck-Gesellschaft durchgeführt wurde. Über dieses hochdotierte Projekt (International Cooperation for Animal Research Using Space) hatte er im Jahr zuvor schon den üppigen Bildband »Das ICARUS-Projekt« veröffentlicht, in dem er zusammen mit zwei Koautorinnen erläuterte, »wie wir Tiere aus dem All beobachten und gemeinsam das Leben auf der Erde schützen«.

Die Biologen müssen heute anscheinend immer betonen, wie wichtig ihre Forschung an Tieren und deren Besenderung für die Menschen, mindestens für ihre Geldgeber, ist. »Wenn wir die Wege kennen und sehen, da fliegt jetzt irgendwo in China z. B. ein Schwarm Weidenammern los, dann können wir hier in Deutschland die Bestellung für Impfstoffe auslösen«, erklärte der ICARUS-Projektleiter Friedhelm Claasen vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt den guten Zweck der GPS-Sender an den Vögeln. Diese bleiben bis zu zwei Jahre an ihnen, bevor sie von selbst abfallen, bei kleineren Vögeln nach zwei Wochen.

Probeabo

Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
 

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Michael Meier von Rouden aus Berlin (3. Februar 2026 um 16:30 Uhr)
    Helft den armen Vögeln im Winter. Herr Meier, Arbeiterveteran, Berlin-Prenzlauer Berg

Regio:

Mehr aus: Feuilleton