Ködern oder zwingen
Wenn es auch richtig ist, dass der heutige Militarismus nichts anderes als eine Manifestation unsrer kapitalistischen Gesellschaft ist, so ist er doch eine Manifestation, die sich fast verselbständigt hat und nahezu Selbstzweck geworden ist.
Der Militarismus muss, um seinen Zweck zu erfüllen, die Armee zu einem handlichen, gefügigen, wirksamen Instrument machen. Er muss sie in militärisch-technischer Beziehung auf eine möglichst hohe Stufe heben und andrerseits, da sie aus Menschen, nicht Maschinen, besteht, also eine lebendige Maschinerie ist, mit dem richtigen »Geist« erfüllen. (…)
Jener richtige »militärische Geist«, auch »patriotischer Geist« und in Preußen-Deutschland »Geist der Königstreue« benannt, bedeutet kurzweg jederzeitige Bereitschaft, auf den äußeren und auf den inneren Feind nach Kommando loszuschlagen. Zu ihrer Erzeugung ist an und für sich am geeignetsten völliger Stumpfsinn, wenigstens eine möglichst niedrige Intelligenz, die es ermöglicht, die Masse wie eine Herde Vieh zu treiben, wohin es das Interesse der »bestehenden Ordnung« vorschreibt. (…)
Aber der Militarismus befindet sich hier in einer bösen Zwickmühle. Waffentechnik, Strategie und Taktik fordern heute von dem Soldaten ein nicht geringes Maß an Intelligenz und machen den intelligenteren Soldaten ceteris paribus auch zu dem tüchtigeren. Schon darum könnte der Militarismus mit einer bloß stumpfsinnigen Masse heutzutage nichts mehr anfangen. Eine solch stumpfsinnige Masse kann der Kapitalismus aber schon wegen der wirtschaftlichen Funktionen der großen Masse, insbesondere des Proletariats, nicht gebrauchen. Der Kapitalismus ist, um ausbeuten zu können, um eine möglichst hohe Profitrate herauszuschlagen – was ja seine unentrinnbare Lebensaufgabe ist – durch ein tragisches Verhängnis gezwungen, in weitem Umfange unter seinen Sklaven dieselbe Intelligenz systematisch zu erzeugen, die ihm, wie er genau weiß, Tod und Vernichtung bringen muss. (…)
Unsre besten Soldaten sind Sozialdemokraten, lautet ein viel zitiertes Wort. Man erkennt daran die Schwierigkeit der Aufgabe, die Armee der allgemeinen Wehrpflicht mit dem richtigen militärischen Geist zu versorgen. Da der bloße Sklaven- oder Kadavergehorsam nicht ausreicht, aber auch nicht mehr möglich ist, muss der Militarismus sich den Willen seiner Mannschaft auf einem Umwege zu eigen machen, um sich auf diese Weise »Schießautomaten« zu schaffen. Er muss ihn durch geistige und seelische Beeinflussung oder durch Gewaltmittel beugen, er muss ihn ködern oder zwingen. »Zuckerbrot und Peitsche« heißt es auch hier. Der richtige »Geist«, den der Militarismus braucht, ist erstens mit Rücksicht auf seine Funktion gegenüber dem äußeren Feind: chauvinistische Verbohrtheit, Engherzigkeit und Selbstüberhebung, zweitens mit Rücksicht auf seine Funktion gegenüber dem inneren Feind: Unverständnis oder selbst Hass gegen jeden Fortschritt, gegen jede die Herrschaft der augenblicklich herrschenden Klasse auch nur im entferntesten bedrohende Unternehmung und Bestrebung. (…)
Das System der geistigen und psychischen Beeinflussung der Soldaten, das an Stelle der Klassenscheidung nach sozialen Klassen eine solche Scheidung nach Jahresklassen zu setzen, eine besondere Klasse von 20- bis 22jährigen Proletariern mit einem dem Denken und Fühlen des Proletariats der andern Altersklassen geradezu konträren Denken und Fühlen zu schaffen sucht, ist ein höchst kühnes und raffiniertes.
In erster Linie gilt es, den Proletarier im bunten Rock scharf und rücksichtslos örtlich abzusondern von seinen Klassengenossen und von seiner Familie. Dies wird durch die Dislozierung aus der Heimat, die besonders in Deutschland systematisch durchgeführt ist, und vor allen Dingen durch die Kasernierung erreicht. (…)
Sodann gilt es, diese Absonderung möglichst lange durchzuführen, eine Tendenz, die, nachdem militärisch-technisch die Notwendigkeit der langen Dienstzeit längst geschwunden ist, nur noch durch ihre finanzielle Verderblichkeit durchkreuzt wird, ein Umstand, dem zum Beispiel die 1893 erfolgte Einführung der zweijährigen Dienstzeit in Deutschland wesentlich zu verdanken ist.
Und schließlich gilt es, die so gewonnene Zeit möglichst geschickt zur Seelenfängerei auszunutzen. Dazu dienen verschiedene Mittel. Ganz, wie dies von der Kirche geschieht, sucht man alle menschlichen Schwächen und alle Sinne in den Dienst dieser militaristischen Pädagogik zu spannen. Ehrgeiz und Eitelkeit werden aufgestachelt, der Soldatenrock wird als vornehmster Rock proklamiert, die Soldatenehre als eine besonders ausgezeichnete verherrlicht und der Soldatenstand als der wichtigste und angesehenste ausposaunt und auch tatsächlich mit vielen Vorrechten ausgestattet.
Karl Liebknecht: Militarismus und Antimilitarismus unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Jugendbewegung. Leipzig 1907. Hier zitiert nach: Karl Liebknecht: Gesammelte Reden und Schriften, Band I. Dietz-Verlag, Berlin 1958, Seiten 288–293
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