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Aus: Ausgabe vom 28.01.2026, Seite 10 / Feuilleton

Zartmann, Reuter, Giese

Von Jegor Jublimov
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Leutnant Falkenstein privat: Jürgen Zartmann und Willi

Beim »Polizeiruf 110« war im DFF alles möglich, zum Beispiel, dass ein Kriminalist Jahre später in anderer Rolle auch mal Zeuge oder Täter wurde. So bei Jürgen Zartmann, der schon 1973 als Leutnant Falkenstein ermittelte und 1988 in »Still wie die Nacht« einen diebischen Musiker spielte. Zartmann wuchs in Leipzig auf, wo er zuerst Straßenbahnfahrer war, Schauspiel studierte und dann nach Halle ans Theater wechselte. Seinen Armeedienst konnte er beim Erich-Weinert-Ensemble der NVA absolvieren. Hier lernte er zu moderieren. Als der DFF junge Leute suchte, führte er bald durch die Reihen »Chanson-Boutique« und »Musica viva«. Seinen Durchbruch im Fernsehen hatte er 1971 als »Artur Becker« in einem Dreiteiler über den Kommunisten und Spanienkämpfer. Publikumsliebling wurde Zartmann als Liebhaber, etwa neben Angelika Waller in »Rotfuchs« (1973) oder neben Rita Feldmeier in »Der rasende Roland« (1977). In fernwehträchtigen Serien wie »Zur See« (1977) – 1993 auch auf dem »Traumschiff« – und »Treffpunkt Flughafen« (1986) gehörte er zur Crew. Inzwischen macht der seit diesem Mittwoch 85jährige nicht mehr soviel von sich reden wie sein Enkelsohn, der als Rapper Zartmann noch mehr Anhänger hat – wie einst der Opa auf dem Bildschirm.

Am Donnerstag wird Jürgen Reuter 85. Mit Großvater Zartmann hat der Berliner einige Gemeinsamkeiten mehr als den Vornamen, spielten sie doch beide in Halle Theater (wo Reuter auch Regie führte), und im DFF standen sie gemeinsam vor der Kamera, etwa 1981 in der »Polizeiruf«-Folge »Der Schweigsame«. In dem opulenten Defa-Film »Lützower« nach einem Stück von Hedda Zinner spielte er 1972 als Hauptmann Friesen einen Helden der Befreiungskriege von 1813. Reuters vielleicht spektakulärste Rolle war Günter Wallraff, der an »Steckbrief eines Unerwünschten« (1975) selbst mitarbeitete. Grundlage waren Recherchen zur Milliardärsfamilie Thurn und Taxis, zur Kaffee- und Filterproduktion Melitta und zum Gerling-Konzern, einem Kölner Versicherer mit zweifelhaftem Geschäftsgebaren.

Reuter spielte Adolf Hitler in dem Zweiteiler »Ernst Thälmann« (1986). Als Joseph Goebbels machte sich ein Schauspieler einen Namen, der am 31. Januar vor 100 Jahren in Neuruppin geboren wurde und 2008 in Potsdam starb. Als Horst Giese mit 19 aus dem Krieg kam, verwirklichte er seinen Traum, Schauspieler zu werden. Seit 1954 übernahm er kleine Rollen bei der Defa, Feldwebel, Diener, oft Franzosen (wie im erwähnten Artur-Becker-Film), und Juri Oserow fand ihn passend, in seinem internationalen Mehrteiler »Befreiung« (1970/71) den Reichspropagandaminister zu verkörpern. Auch bei der Defa, in Bulgarien und der Sowjetunion übernahm er diese Rolle, die er charakteristisch, aber nicht chargierend spielte. Er war leidenschaftlicher Anhänger der Swing-Musik und schrieb in den 70er Jahren das Hörspiel »Die sehr merkwürdigen Jazz-Abenteuer des Herrn Lehmann«, in dem er sowohl als Goebbels als auch in 25 weiteren Rollen auftrat. 1991 wurde ihm dafür der Hörspielpreis der Kriegsblinden zuerkannt.

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