Bolschebeatniks
Von Pierre Deason-Tomory
Einige ARD-Kulturradios leisten sich am Wochenende den Luxus, dem eigenen Anspruch gerecht zu werden, und präsentieren spezielle Musikprogramme für die Kurzen. Jeden Sonntagmorgen um fünf nach acht bringt Radio 3 die »Klassik für Kinder«, und immerhin an fünf Sonntagen im Jahr läuft um 7.05 Uhr auf NDR Kultur »Mikado Klassik«. Am kommenden Wochenende können Eltern ihrem Nachwuchs zum Frühstück gleich zwei Stunden lang große Orchester servieren, zuerst die NDR-Radiophilharmonie mit Auszügen aus Edvard Griegs »Peer Gynt« (So., 7.05 Uhr, NDR Kultur) und im Anschluss das Deutsche Symphonieorchester Berlin mit »Jubiläum mit Lenny«, da werden Hits von Leonard Bernstein gespielt (So., 8.05 Uhr, Radio 3).
Auch BR Klassik hat eine wöchentliche Kinderklassiksendung, am Sonnabend, dort heißt die Reihe »Do Re Mikro«. In der nächsten Folge müssen Kater Vivaldi und Katze Zelda das Rätsel um »Die mysteriöse Krähe« lösen (18.05 Uhr). Und wenn es mal wieder anders kommt, dann werden die demokratisierten Volksradios täglich eine »Marxistische Abendschule für Kids« senden, als Betthupferl, und danach einen »Lenin-Lesekreis für Teenager« – natürlich mit fetten Bolschebeats. Damit Hirn, Hintern und die Verhältnisse zum Tanzen gebracht werden, nach all dem Getrumpel zuletzt, also echt.
Hier weitere Programmvorschläge der Redaktion in der Epoche der Postvormerzreaktion: Da ist »Das Märchen von Nettetal«, ein Feature über den deutschen Arbeiterdichter Dinçer Güçyeter (SWR 2025, Di., 16.05 Uhr, Ö 1). Eine folgenreiche Satire von E. T. A. Hoffmann bringt Gunter Schoß in der »Klassikerlesung« in drei Folgen zum Vortrage, den »Meister Floh« (Rundfunk der DDR, Mi., 14.04 Uhr, MDR Kultur). Die Redaktion der »Nordwest-Passage« hat den schwarzen Block beim Ausfechten seines inneren Nahostkonflikts unterbrochen und fragte im November Genossen der Leipziger Gruppe Alea: »Antifa, quo vadis?« (Radio Blau 2025, Do., 14 Uhr, FSK). »Ein schreckliches und schönes Leben« hat Natascha Wodin in ihrem Werk erzählt, sagt sie in einem Gespräch mit Frank Meyer (Fr., 19.30 Uhr, DLF).
»Der Hammerhai im Binnensee« machte Nelly Reitz neugierig, und sie ging mexikanischen Wasserhöhlen auf den Grund (BR 2026, Sa., 13.05 Uhr, So., 20.03 Uhr, Bayern 2). Einen Hammervortrag, der ein feministischer Klassiker wurde, hat Virginia Woolf 1928 im Frauencollege gehalten: »Ein Zimmer für sich allein (1/2)«, hier verhörspielt von Hans Helge Ott (RB 1995, Sa., 19.04 Uhr, WDR 3). Zur gleichen Zeit probiert »Contra« österreichische Kabarettjugend aus, und zwar gleich »Zwei Frischlinge: Chrissi Buchmasser und Marvin Tare« (Sa., 19.05 Uhr, So., 21.30 Uhr, Ö 1).
Ein alter weißer Mann hat das algorithmische Hörspiel »Das neue Alphabet« geschaffen, der nomenomenöse Alexander Kluge; er kollaborierte dabei teilpostum mit Heiner Müller, Helge Schneider und einem Paläoanthropologendoktor (BR 2019, So., 15.05 Uhr, Bayern 2). Zeitversetzt live wird aus der Staatsoper Hamburg die Uraufführung von »Monster’s Paradise« übertragen, der neuen Oper von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek, die nach Neuwirths Worten »in einer Welt voller Chaos und Destabilisierung durch verschiedene Frequenzen des Äthers schnauben, keuchen und wimmern« wird (So., 20.04 Uhr, NDR Kultur). Schließlich sei ein Ostkrimi von Hans Siebe angezeigt, »Der Tod des Reinhard Kunelka«, in dem ein Mordfall aufgeklärt wird, an dem Ganoven-Ede und sein ZDF-Fernsehmob einst zu bester Sendezeit gescheitert sind (Rundfunk der DDR 1976, Mo., 20.04 Uhr, MDR Kultur).
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