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Riechen

Von Helmut Höge
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Dietmar Dath veröffentlichte 2008 ein schönes Buch mit dem Titel »Die Abschaffung der Arten«. Der Roman handelt von zukünftigen Lebewesen, die »aus der Evolution das schlechthin Willentliche gemacht haben«. Die Menschen spielen kaum noch eine Rolle, ebensowenig ihre Worte. Statt dessen hat sich eine »pherinfonische Kommunikation« unter den Lebewesen herausgebildet, d. h., sie verständigen sich über Gerüche/Düfte.

Wir haben nur etwa fünf Millionen olfaktorische Zellen, wohingegen etwa Hunde mehrere hundert Millionen oder vielleicht sogar eine Milliarde besitzen, wie Bill Hansson, Direktor des Jenaer Max-Planck-Instituts für chemische Ökologie, schreibt (in: »Die Nase vorn« 2021).

Aber so wie das Sehen nicht in den Augen stattfindet, ist es auch nicht die Nase, die das Riechen leistet. Beide Wahrnehmungsweisen werden im Gehirn verarbeitet. »Eine wie auch immer geartete Reizung des limbischenSystems führt zu gesteigerter Emotionalität und zu einer Intensivierung der Sinneswahrnehmungen«, schreibt Oliver Sacks in »Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte« (1987) über einen »lebhaften Traum« des Medizinstudenten Stephen D. (der er selbst war), nachdem er verschiedene Drogen konsumiert hatte, vor allem Amphetamine. Er träumte eines Nachts, dass er ein Hund war »in einer Welt voller unvorstellbar starker und bedeutsamer Gerüche«.

Beim Aufwachen stellte er fest, dass sein Traum Wirklichkeit geworden war: Die Verstärkung des Geruchsempfindens hatte seine Welt verändert. Alle anderen Wahrnehmungen waren vor der Intensität der Gerüche verblasst. Er konnte all seine Freunde und Patienten am Geruch identifizieren. Jeder von ihnen hatte seine eigene olfaktorische Physiognomie, ein Duftgesicht, das weit plastischer und einprägsamer, weit assoziationsreicher war als sein wirkliches Gesicht. Er konnte ihre Gefühle – Angst, Zufriedenheit, sexuelle Erregung – wie ein Hund riechen. In New York konnte er jede Straße und jedes Geschäft am Geruch erkennen. Nichts war für ihn wirklich vorhanden, bevor er es nicht gerochen und befühlt hatte. »Aber es hatte sich ihm weniger eine neue Welt von Genuss und Missfallen eröffnet als vielmehr eine neue Ästhetik, ein neues Urteilskriterium, eine neue Bedeutsamkeit, die ihn von allen Seiten umgab. Es war eine Welt, die aus ungeheuer konkreten Einzelheiten bestand. Vorher hatte er zu Reflexion und Abstraktion geneigt. Jetzt dagegen stellte er fest, dass Nachdenken, Abstrahieren und Kategorisieren angesichts der übermächtigen Unmittelbarkeit einer jeden Erfahrung für ihn ziemlich unwirklich und schwierig geworden war.«

Dieser Zustand endete nach drei Wochen – »seine Geruchswahrnehmung, all seine Sinneswahrnehmungen wurden wieder normal. Mit einer Mischung aus Bedauern und Erleichterung fand er sich wieder in seiner alten, blassen Welt der beschränkten Sinneserfahrung, der Nichtkonkretheit und Abstraktion.« Er war froh, wieder zurück zu sein, aber es war auch ein sehr großer Verlust. Er sah jetzt, »was wir dadurch, dass wir zivilisierte Menschen sind, aufgegeben haben. Wir brauchen auch das andere, das ›Primitive‹.« Die Welt der Gerüche und Atmosphären war so lebendig, so real. »Es war wie ein Besuch in einer anderen Welt, einer Welt der reinen Wahrnehmung – einer reichen, bunten, prallvollen Welt.« Er wünschte sich, wenigstens ab und zu zurückzukehren und wieder ein Hund zu sein.

Ein Indigener aus Kolumbien wunderte sich einst, dass ein belgischer Ethnologe den Himmel nicht riechen konnte. Von den nur noch wenig riechenden Europäern wurde der Geruch bislang gering geachtet. Doch es gibt Ausnahmen, so unter den Sensualisten des 18. Jahrhunderts oder später Feuerbach und Nietzsche. Letzterer meinte in »Ecce homo«: »Ich erst habe die Wahrheit entdeckt, dadurch dass ich zuerst die Lüge als Lüge empfand – roch… Mein Genie ist in meinen Nüstern…« Für die Philosophin Mădălina Diaconu ist Nietzsche die »feine Nase schlechthin in der Philosophie«. Er habe »die metaphorische Bedeutung des Geruchssinns als Spürsinn hervorgehoben, vor allem als Instrument einer subtilen intuitiven psychologisch-moralischen Erkenntnis, die jeder Heuchelei und Illusion unbeirrt auf die Spur kommt«, heißt es in ihrem »Versuch über den Geruch. Überlegungen zur Durchführbarkeit einer phänomenologischen Ästhetik der Olfaktorik« (2001).

Der französische Widerstandskämpfer Jacques Lusseyran war blind. Im Untergrund entwickelte er ein »scheinbar unfehlbares Gespür für mögliche Verräter, die er ›roch‹ und ›hörte‹«, was ihn später laut Oliver Sacks »zur Galionsfigur der französischen Résistance machte«.

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