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Aus: Ausgabe vom 24.01.2026, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Hofhunde des Kapitals

Vor 120 Jahren veröffentlichte Karl Liebknecht einen klassisch gewordenen Text gegen Wehrpflicht und Militarismus
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Material des preußischen Militarismus. Wehrpflichtige ziehen in die Kaserne ein (Aufnahme um 1910)

Nun, wie ihm auch sei, ihr werdet in die Kasernen einziehen.

Dort werdet ihr bald hören: Nicht nur zum Kampf gegen den äußeren Feind, nein, auch zum Kampf gegen den inneren Feind sollt ihr dienen!

Wer ist der innere Feind?

Auf Vater und Mutter, Bruder und Schwester sollt ihr nach Kommando schießen! Fürs Vaterland?

Man wird euch zu Streikbrecherdiensten abkommandieren. Fürs Vaterland?

Man wird euch, wie in Nürnberg und Magdeburg und wie in ganz Preußen und Hessen am 21. Januar 1906, in den wirtschaftlichen Kämpfen zwischen Arbeiterschaft und Unternehmertum zum Schutze des Unternehmertums und in den politischen Freiheitskämpfen der Arbeiterschaft zum Schutze eurer Unterdrücker gegen die Arbeiter, eure Kameraden, Kollegen und Gesinnungsgenossen, zu den Waffen rufen.

Fürs Vaterland?

Die Augen werden euch aufgehen, wenn sie nicht schon geöffnet sind.

Was ist das für ein Vaterland, das nicht das ganze Volk umfasst, euch von euren Liebsten reißt, zu Feinden eurer Freunde machen will? Das den Kampf gegen die Arbeiterschaft proklamiert, das sich eins fühlt mit dem Unternehmertum, mit jeder Reaktion?

Das ist nicht euer Vaterland; das ist nicht das einige deutsche Vaterland. Das ist nur die Vertretung einer Klasse des deutschen Volkes, die euch, seitdem ihr lebt, und schon euren Vätern, seitdem sie leben, feindlich ist bis aufs Blut, die euch und eure Väter, Mutter, Brüder und Schwestern, Kameraden, Kollegen und Gesinnungsgenossen von Kindesbeinen an ausbeutet und unterdrückt!

Der innere Feind, das sind eure Väter. Mütter. Brüder, Schwestern und Freunde, das ist das gesamte Proletariat und alles, was nicht mit der herrschenden Reaktion durch dick und dünn geht; der innere Feind: Das seid noch heute ihr selbst! Und das werdet nach eurer Entlassung wieder sein ihr selbst! Ihr selbst, die ihr zum Kampf gegenüber diesem inneren Feind aufgerufen werdet, zum Kampfe gegen euch selbst.

Zu »Hofhunden des Kapitals«, ihres Feindes, werden die Proletarier degradiert, wenn man sie gegen den inneren Feind mobilisiert; ihr Lohn, und sei er noch so gering, soll ein Judaslohn sein: Trifft es nicht zu, wenn Freunde des Proletariats so sprechen?

Und habt ihr erst dies erkannt, so erkennt ihr weiter: Nur darum der furchtbare Druck und Drill und die eiserne Disziplin, damit das Proletariat durch Furcht und Schrecken gezwungen wird, dem Kapital und der Reaktion, seinen eigenen Feinden, zu dienen.

Und darum die Sklaverei und geistige Bevormundung, die Gesinnungsunterdrückung und der gleißende Prunk und Putz, damit das Proletariat im bunten Rock sich selbst und all die Seinen vergesse und willig den Willen des Kapitals und der Reaktion, seiner eigenen Feinde, tue.

Nur darum die Militärmisshandlungen und das grundsätzliche Messen mit zweierlei Maß durch Militärgesetz und Militärjustiz, weil man kein Volksheer, kein Heer des deutschen Volkes, sondern eine Armee des Kapitals, der Reaktion geschaffen hat und braucht.

Nur darum schafft man euch aus der Heimat in die Fremde, damit ihr von euren Nächsten getrennt im Kampfe für eure Feinde durch Skrupel und Zweifel, durch Solidaritätsgefühl und unbequeme Herzensregungen weniger gestört werdet.

Und die wahnsinnigen jährlichen Milliardenkosten dafür, dass ihr in dieses für euch selbstmörderische Instrument verwandelt werdet, dass man aus euch Proletariern das stärkste Bollwerk eurer Zwingburg fügt, dass man euch Seele, Verstand, Selbstgefühl, Klassenbewusstsein, Kindes- und Geschwisterliebe, kurz alle edelsten Regungen zu verwirren und zu rauben sucht, müsst ihr, muss das Proletariat auch noch selbst aus seinem eignen sauren Schweiße pressen.

Ist das nicht Widersinn? Ist das nicht unmöglich? Warum schützt sich der Kapitalismus, schützt sich die Reaktion nicht durch ihre Kostgänger, durch die, deren Interessen sie vertreten?

Und der Militarismus ist der Würgengel der Kultur; er barbarisiert die Zivilisation und frisst, das Volk aussaugend, alle Mittel auf, die einem wahrhaftigen Fortschritt dienen könnten.

Er ist die Quintessenz und die Summe aller Volksfeindlichkeit, der brutale Exekutor und der blutig-eiserne Schutzwall des Kapitalismus.

Nehmet diese Erkenntnis in euch auf, ihr Proletarier, die ihr zu den Waffen gerufen werdet, und alle Versuche, euch in der Kaserne der großen Sache des proletarischen Befreiungskampfes abspenstig zu machen, müssen nicht nur zuschanden werden, sondern die Begeisterung eurer Überzeugung, eurer Ideen nur um so höher und heißer entfachen. Als doppelt gestählte Streiter werdet ihr aus dem Heere des Kapitalismus in die Reihen der proletarischen Armee zurückkehren.

Karl Liebknecht: Rekrutenabschied. In: Die Junge Garde, 22. September 1906. Hier zitiert nach: Karl Liebknecht: Gesammelte Reden und Schriften, Band 1. Dietz-Verlag, Berlin 1958, Seiten 187–189

Der erste Teil dieses Textes erschien in der jW-Wochenendbeilage vom 17./18. Januar

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