Bond Vigilantes
Von Lucas Zeise
Können die Finanzmärkte politische Entscheidungen herbeiführen? Zweifellos. Und nicht nur in den »Hinterhöfen« der Welt, sondern auch, was bedeutende Mittelmächte angeht. Gern wird die extrem kurze Regierungszeit der britischen konservativen Premierministerin Liz Truss hervorgehoben. Sie hatte, 2022 kaum vom Unterhaus gewählt, ein Steuerentlastungsgesetz zugunsten der Reichen vorgestellt, das die Staatsverschuldung – den meisten Prognosen zufolge – deutlich erhöht hätte. Die britischen Staatsanleihen fielen, die Zinsen auf ebenjene stiegen entsprechend, und das Pfund Sterling rutschte ab. Nach sechs Wochen im Amt trat sie zurück.
Mit Frau Truss und ihren dummen Plänen hatte es ausnahmsweise mal die Richtige getroffen. Deshalb wird dieser erfolgreiche Aufstand der Bondmärkte auch so gern zitiert. Der Regelfall ist aber, dass der Finanzmarkt auf expansive Haushaltspolitik vor allem dann negativ reagiert, wenn die Politik wohlfahrtsstaatliche Maßnahmen ergreift oder, schlimmer noch, Steuern für die Wohlhabenden erhöht oder die Profitmöglichkeiten einschränkt. Im Englischen gibt es den schönen Ausdruck »Bond Vigilantes«, was vielleicht ganz gut als »Rentiersbürgerwehr« übersetzt werden kann. Man sieht hier die empörten Kleinbürger ihr in Staatsanleihen gestecktes Erspartes verteidigen. In der Wirklichkeit sind die Bond Vigilantes aber die Versicherungs- und Fondsmanager, die tatsächlich in der Lage sind, Hunderte von Millionen US-Dollar, britischen Pfund oder Euro hierhin oder dorthin zu lenken.
Geradezu klassisch in dieses Muster fallend hat am vergangenen Dienstag, auf dem Höhepunkt des von Trump angezettelten Streits mit Europa und Dänemark um Grönland, ein dänischer Pensionsfonds angekündigt, seinen Bestand an US-Staatsanleihen in Höhe von 100 Millionen US-Dollar wegen der »schlechten US-Staatsfinanzen« verkaufen zu wollen. Am Abend darauf hatte »Taco«-Trump bereits klein beigegeben. Die angedrohten zusätzlichen Zollerhöhungen gegen acht europäische Staaten wurden nicht mehr erwähnt. Der Beiname »Taco« (steht für »Trump always chickens out«) war aufgekommen, als der US-Präsident die Ankündigungen der Strafzölle für alle Länder und Territorien des Globus, die er am 2. April 2025 mit großspurigem Gestus verkündet hatte, nur eine Woche später angesichts fallender Aktien und steigender Zinsen weitgehend und zugunsten von Verhandlungen mit den Betroffenen wieder zurücknahm.
Donald Trump ist offensichtlich nicht nur sprunghaft, sondern reagiert zudem auf Gegendruck außerordentlich empfindsam. Die Marktbewegungen in dieser Woche waren viel harmloser als die im April. Und die in europäischen Zeitungen geäußerte Hoffnung, den Markt für US-Staatsanleihen bei dieser Gelegenheit in Unruhe versetzen zu können, wirkte ein wenig lächerlich. Als 2023 ein paar kalifornische Banken umkippten, war ungleich mehr los. Der Gedanke, die Großgläubiger der riesigen US-Staatsschuld (derzeit etwa 26 Billionen US-Dollar) könnten im großen Stil und konzentriert ihre Bestände verkaufen, ist absurd. Sie wären bei den dann rasant fallenden Preisen ihres Vermögens die größten Verlierer eines solchen Manövers.
Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Aachen
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (24. Januar 2026 um 09:27 Uhr)Im letzten Teil seines Beitrags verweist Lucas Zeise auf die Rationalität der Handelnden an der Börse. Obwohl doch bekannt ist, dass die längst kein Schauplatz wirtschaftlicher Vernunft mehr ist, sondern Ort wahnsinniger Zockerei. An diesem Ort wird heute noch gewettet, dass die US-Finanzen stabil bleiben, obwohl die Schulden inzwischen genauso hoch sind, wie das Gesamtprodukt zweier Jahre. Bricht an der Börse Panik aus, dann werden angesichts dieser Tatsache instinktiv alle verkaufen, Verlust hin und her. Denn dann gilt die alte Börsenweisheit: Ein kleiner Verlust ist immer noch besser als ein großer. Es könnte also durchaus sein, dass beim nächsten großen Krach das gesamte Kartenhaus des Dollars zu Bruch geht. Jedenfalls ist weit und breit niemand zu sehen, der das dann noch aufhalten könnte.
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