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Aus: Ausgabe vom 22.01.2026, Seite 4 / Inland
Solidaritätsbewegung

Für viele ein Schock

Zwischenfälle bei Kundgebungen gegen die Angriffe auf die kurdische Autonomieregion in Nordostsyrien
Von Kristian Stemmler
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Demonstration unter dem Motto »Gegen das Töten von Unschuldigen, Zivilisten und Kindern« am Dienstag in Dortmund

In mehr als 20 deutschen Städten, darunter Hamburg, München, Frankfurt am Main und Dortmund, haben am Dienstag Tausende Menschen demonstriert. Sie bekundeten mit Sprechchören wie »Bijî Berxwedana Rojava« (Es lebe der Widerstand von Rojava) ihre Solidarität mit den Kämpferinnen und Kämpfern, die derzeit die seit Jahren de facto autonome Region in Nordostsyrien gegen die Angriffe der islamistischen Regierungstruppen verteidigen. Bei mehreren Kundgebungen kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, die auf kurdische Mobilisierungen routinemäßig mit Großaufgeboten und Repression reagierte.

Von einem deeskalierenden Auftreten der Staatsmacht konnte etwa bei der Demonstration in Stuttgart keine Rede sein. Unter der Überschrift »Solidarität mit Rojava« hatten sich dort rund 2.000 Menschen versammelt. Der Polizei reichte das vereinzelte Abbrennen von Pyrotechnik, um den Aufzug immer wieder anzuhalten. Daraufhin hätten Demonstranten »vorbeifahrende Fahrzeuge und Einsatzkräfte« mit Flaschen und Böllern beworfen, teilte die Polizei mit.

In Hannover löste die Polizei eine Demonstration mit rund 3.000 Teilnehmern nach zwei Stunden auf. Diese hätten sich »zunehmend unkooperativ« verhalten, hieß es in einer Mitteilung der Polizeidirektion Hannover. Protestierende hätten sich vermummt und Beamte mit Böllern beworfen, auch seien verbotene Symbole und Fahnen gezeigt worden.

Die erhebliche Polizeipräsenz in Hannover konnte indes einen Messerangriff auf einen 21 Jahre alten Mann, der sich auf dem Rückweg von der Demo befand, nicht verhindern. Laut einer Mitteilung des kurdischen Dachverbands Nav-Dem wurde der junge Mann, der vor drei Jahren vor dem IS aus Kobanê nach Deutschland geflüchtet war, von zwei Unbekannten beschimpft, weil er eine Flagge der kurdischen Volksverteidigungseinheiten trug. Im Verlauf des Streits stach einer der Männer dem Kurden mit einem Küchenmesser in die Brust. Er kam ins Krankenhaus, ist aber außer Lebensgefahr. Nav-Dem Hannover wies darauf hin, dass die Eskalation in Nordsyrien von antikurdischer Propaganda »durch türkeinahe dschihadistische Gruppen« begleitet werde.

In Berichten vieler Medien ging es am Mittwoch fast nur um die Auseinandersetzungen mit der Polizei. Die Anliegen der Demonstranten kamen kaum zur Sprache. Dagegen berichtete der deutsche Ableger der kurdischen Nachrichtenagentur ANF über die Inhalte. In Hamburg, wo sich am Dienstag nachmittag nach Veranstalterangaben etwa 5.000 Demonstranten versammelten, sei die Stimmung von Wut geprägt gewesen, hieß es. Der Angriff auf Rojava sei nicht nur militärisch, zitierte ANF eine Rednerin. Es sei »ein Angriff auf eine politische Idee: auf Selbstverwaltung, auf ein Zusammenleben unterschiedlicher Ethnien und Religionen, auf Frauenrechte, auf die Hoffnung, dass ein plurales Syrien möglich ist«. Unter den Demonstranten war demnach auch die Hamburger Bundestagsabgeordnete Cansu Özdemir, außenpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke im Bundestag. Sie forderte den sofortigen Stopp der Angriffe in Nordsyrien und eine UN-Vollversammlung zum Thema.

Die kurdische Gemeinschaft in der Bundesrepublik ist mit schätzungsweise 1,3 Millionen Menschen die größte in Europa. Die Entwicklung in Syrien und vor allem in den kurdischen Siedlungsgebieten im Norden und Osten wird in der Community aufmerksam verfolgt, wie Mako Qoçgirî, Mitarbeiter des Kurdischen Zentrums für Öffentlichkeitsarbeit Civaka Azad, am Mittwoch gegenüber jW sagte. »Viele haben Angehörige vor Ort oder sehen die Region und das Projekt als Hoffnungsträger für ein friedliches Zusammenleben der Völker«, erklärte er. Dass dieses Projekt nun in so kurzer Zeit geostrategischen Überlegungen zum Opfer fallen könnte und dadurch zugleich der IS gestärkt werde, sei für viele ein »tief sitzender Schock«. Auch für das kommende Wochenende sind in zahlreichen deutschen Städten Demonstrationen in Solidarität mit den Menschen in Nordostsyrien geplant.

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