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Aus: Ausgabe vom 21.01.2026, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Großraum

Von Jörg Kronauer
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»Uncle Sam« soll Macht über ganz Amerika haben. Karikatur zur Monroe-Doktrin aus dem Jahr 1900

Als Carl Schmitt, Preußischer Staatsrat und Professor an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, im Jahr 1939 seine Schrift »Völkerrechtliche Großraumordnung und Interventionsverbot für raumfremde Mächte« veröffentlichte, da hatte er ein Vorbild im Sinn: die Monroe-Doktrin. Sie geht auf US-Präsident James Monroe zurück, der sie in seiner State of the Union Address vom 2. Dezember 1823 formuliert hatte. Ein wenig zugespitzt besagt sie, die Staaten Europas, die gerade die meisten ihrer Kolonien in Lateinamerika verloren hatten, sollten sich gefälligst aus den Angelegenheiten des Subkontinents heraushalten, denn dort beanspruchten nun die Vereinigten Staaten die alleinige Hegemonie. Im Gegenzug seien die USA freilich bereit, fuhr Monroe fort, um den Plan der anderen Seite schmackhaft zu machen, sich nicht in Europa einzumischen.

Als Schmitt sich mit der Monroe-Doktrin befasste, da hatte Nazideutschland mit der Annexion Österreichs und mit der Zerschlagung der Tschechoslowakei gerade die ersten Schritte getan, sich ganz Europa zu unterwerfen. Was geschah da eigentlich? Schmitt fand, was die Vereinigten Staaten als stärkste Macht Amerikas auf dem amerikanischen Kontinent getan hatten – sich die Hegemonie zu sichern –, das durfte auch Deutschland als die stärkste Macht Europas auf dem europäischen Kontinent tun. Auf jedem Kontinent müsse es ein »Reich« geben, so dozierte Schmitt, das den Kontinent, den »Großraum«, beherrschte. Sein Konzept stand der Idee, die Welt bestehe aus grundsätzlich gleichberechtigten souveränen Staaten, diametral entgegen – und es legitimierte praktisch die Dominanz über ganz Europa, die sich die Nazis in den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs per Vernichtungskrieg zusammenmordete.

Schmitt übernahm auch den Gedanken der Monroe-Doktrin, äußere Mächte sollten sich auf fremden Kontinenten nicht einmischen dürfen, grundierte ihn aber klar völkisch. Im Lauf der Jahrhunderte, in denen es sein globales Kolonialreich geschaffen habe, sei England zur »Herrin der See« geworden, schrieb Schmitt an anderer Stelle; es habe sich dabei quasi vom europäischen Kontinent gelöst und sei im Unterschied zu den kontinentalen Landmächten zur Seemacht geworden, »entlandet«, »entwurzelt«. Für den Kontinent sei es zur »raumfremden« Macht geworden. Um so wichtiger sei es gewesen, dass Deutschland sich von den Fesseln befreit habe, die das »raumfremde« England und die ihm nachgebildeten Vereinigten Staaten, die »angelsächsischen« Mächte, ihm nach dem Ersten Weltkrieg aufgezwungen hätten. Für »raumfremde Mächte« müsse künftig ein »Interventionsverbot« gelten. Und noch eines setzte Schmitt drauf: Als Agenten der »entwurzelten« Angelsachsen betätigten sich »die Juden«.

Eine »Großraumordnung« à la Carl Schmitt, die völkische Komponente inklusive, wird in Deutschland heute von AfD-Strategen angestrebt. Auf die Monroe-Doktrin, das – freilich nicht völkisch konnotierte – Vorbild des »Großraum«-Modells, bezieht sich US-Präsident Donald Trump. Oft heißt es, Russlands Bestreben, in seinen unmittelbaren Nachbarstaaten fremde Mächte nicht tonangebend werden zu lassen, ihnen also dort starke Einmischung zu untersagen, postuliere gleichfalls eine Art »Großraum« – freilich einen russisch geprägten. Wer sich so äußert, muss das Gleiche für Deutschland und die EU einräumen, die ihrerseits alles daran setzen, aus ihren Nachbarländern russischen Einfluss so weit wie möglich zu verdrängen.

Bei alledem bleibt festzuhalten: Die zweite Komponente der ursprünglichen Monroe-Doktrin – die Zusage, sich nicht auf fremden Kontinenten, in fremden »Großräumen« einzumischen – wird gewöhnlich nicht eingehalten. Das war schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts so, als die USA Kriege gegen Tripolis, Tunis und Algier führten. Das ist erst recht heute so, wo sich alle Staaten über Einmischung bei sich beschweren, während sie auf die eine oder andere Weise in anderen Ländern, anderen »Großräumen« intervenieren.

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