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Anpassung

Von Helmut Höge
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Um sich zu entwickeln, muss man sich angeblich anpassen, das heißt sich den Anforderungen der Umwelt stellen. Man sagt, diese und jene Tiere seien »perfekt an ihre Umwelt angepasst«. Aber für Nietzsche setzt Entwicklung im Gegensatz zu den Anhängern der Anpassungstheorie (Darwin/Spencer) die Fähigkeit voraus, sich selbst aktiv und tiefgreifend zu verändern. Das ist keine Frage des Bewusstseins, sondern des Leibes.

Am Beispiel der Seeotter hat der Meeresbiologe Joe Roman in seinem Buch »Eat, Poop, Die. Wie Tiere unsere Welt verändern« (2024) dargestellt, wie eine Umwelt sich gewissermaßen ihnen anpasst – nicht nur durch ihre Ernährungsweise, sondern auch durch ihre Ausscheidungen. Im Gegensatz zu den meisten Ökologen, die die Nahrungskreisläufe »bottom-up« erforschen, verfährt Roman »top-down« und untersucht, wie Tiere ihre Umgebung verändern.

An der nordamerikanischen Westküste lebten einst Millionen Seeotter. Der Pelz eines von ihnen war so wertvoll wie zehn Biberpelze. Als 1911 die kommerzielle Jagd eingestellt wurde, waren 99 Prozent der Tiere getötet worden. In Mexiko findet man heute keine Otter mehr, in Kalifornien sehr wenige. »Nur wenige hundert Otter in isolierten Populationen in Kalifornien, Alaska, Russland und Japan hatten überlebt.« Joe Roman meint: Weil sich die Jagd auf sie nicht mehr lohnte, hatte Russland seine Kolonie Alaska schon 1867 an die USA verkauft.

Nach Einstellung der Jagd erholten sich die Otterpopulationen im Norden langsam wieder. Aber 1965 wurden drei unterirdische Atombombentests auf der Insel Amchitka genehmigt. Die zählt zu der über 160 Inseln umfassenden Gruppe der Alëuten, um welche sich die Japaner mit den US-Streitkräften im Zweiten Weltkrieg zähe Gefechte lieferten. Keine 30 Jahre später stand 1971 auf Amchitka der dritte Atomwaffentest an, der in 1.790 Metern Tiefe stattfand und besonders umstritten war. Es war der bisher größte unterirdische Atomwaffeneinsatz, und Umweltschützer befürchteten Erdbeben – es war einer der Anlässe für die Gründung der Organisation Greenpeace. Der Biologe John Vania rechnete den Verantwortlichen vor, wie viele Seeotter sterben würden. Er schlug vor, sie zu evakuieren. Man stellte daraufhin ein Flugzeug zur Verfügung, mit dem je 50 Otter pro Flug in die von Russen gegründete Alaskasiedlung Sitka transportiert wurden. Dort lud der Biologe Jerry Dipka die gestressten Seeotter in ein Wasserflugzeug, das sie zu ihren neuen Habitaten an der Westküste bis nach Kalifornien flog – 710 Tiere insgesamt. Weitere 43 Otter wurden auf Vancouver Island freigelassen. 3.000 Otter waren auf Amchitka zurückgeblieben, von ihnen überlebte nur jeder zehnte den Atomtest.

Vor den Fangaktionen hatte man untersucht, wie sich die Anwesenheit der Otter auf die Seetangwälder ausgewirkt hatte. Auf den Otterinseln gab es ausgedehnte Tangwälder mit spärlichen Populationen von Seeigeln, Seepocken und Muscheln. Die otterlosen Inseln waren fast tangfrei, anstelle von Algen gab es riesige Muschelbänke, Seepocken und jede Menge Seeigel. Diese ernähren sich von den Tangpflanzen, »wobei sie deren Haftorgane fressen, die die Algen am Meeresboden festhalten. Sobald der Seetang losgeschnitten ist, stirbt er jedoch ab. So schaffen sich die Seeigel Brachen fast ohne Seetang, aber dafür mit einer Überpopulation ihrer eigenen Art. Indem sie die Seeigel fressen, reduzieren Otter deren Verzehr der Makroalgen, wodurch die Tangwälder gedeihen können«, die dann wieder zur »Kinderstube und Heimat für Hunderte von Fisch- und Wirbellosenarten« werden. »Die Anwesenheit der Otter veränderte alles (…) Die Umsiedlungen gaben Aufschluss darüber, wie die Wiederherstellung einer einzelnen Art zu einer ökologischen Transformation führen kann.« In Sitka, dem ehemaligen Zentrum des Pelzhandels in Alaska, werden nun Bootsfahrten für Touristen angeboten, um Seeotter und Wale im Sitka Sound zu beobachten.

In den Jahrzehnten seit ihrer Evakuierung hat sich die Otterpopulation im Nordpazifik erheblich erholt, es wird von etwa 125.000 Tiere ausgegangen. Das ist noch deutlich weniger als die 150.000 bis 300.000, die historisch diese Gewässer bevölkerten, aber nichtsdestotrotz bemerkenswert. Im Südwesten Alaskas leben laut der Marine Mammal Commission aktuell wieder 51.935 der Tiere.

Zwischen 1988 und 2003 fraßen die Otter 99 von 100 Seeigeln im Sitka Sound, und die Tangwälder nahmen in der Region um mehr als 99 Prozent zu. Sie bieten Nahrung und Schutz für mehr als 800 Arten.

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