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Aus: Ausgabe vom 20.01.2026, Seite 1 / Ansichten

Zuverlässig planlos

Wohnungsnot in der BRD
Von Luca von Ludwig
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Ausreichend Platz gibt es durchaus auch in Innenstädten – nur wird der meistens für Büroräume verwendet

Die nahezu wöchentlich herauskommenden Zahlen zur desolaten Lage auf dem Mietwohnungsmarkt scheinen im politischen Geschäft schon gar nicht mehr als Problem anzukommen, mit dessen Lösung man sich bei Gelegenheit mal beschäftigen könnte, sondern werden hingenommen wie der Wetterbericht. Auch die jüngsten Daten, nach denen die Mieten im letzten Jahr gut doppelt so schnell gestiegen sind wie die allgemeine Inflation, werden mit einiger Sicherheit verhallen.

Dass moralische Appelle in Richtung des »Menschenrechts auf Wohnen« bei der politischen Führungsriege der BRD nicht verfangen – geschenkt. Durchaus bemerkenswert ist aber, wie geflissentlich Anmerkungen zu den wirtschaftlichen Auswirkungen der anhaltenden und sich verschlimmernden Knappheit von Wohnraum ignoriert werden. Im Oktober erst wies das Pestel-Institut zum Beispiel darauf hin, dass der Wohnungsmangel auch den Zuzug von Fachkräften an ihre Arbeitsorte erschwere und so aktiv die Wirtschaft ausbremse.

Muss die Regierung wohl selbst wissen, ob sie es zulässt, dass ihrer Volkswirtschaft durch derlei leicht zu behebende Probleme auch noch der letzte Wind aus den ohnehin schlaffen Segeln genommen wird. Bisher ist die Reaktion schlicht: allgemeines Schulterzucken, ausgedrückt im halbherzigen Schaffen von »Anreizen«. Irgendeine Bauförderung hier, irgendeine juristische Stellschraube da. Und wenn das nicht wirkt, dann versucht man es halt noch einmal genauso. Und so weiter, Legislatur für Legislatur.

Hier irgendein »Versagen« zu attestieren, würde voraussetzen, dass die Regierenden dieses Landes zumindest so etwas ähnliches wie einen langfristigen Plan verfolgten. Dem ist offenkundig nicht so, wie sich unschwer und seit Jahren an der Wirtschaftspolitik beobachten lässt. Gerade beim Wohnungsbau wäre es ein leichtes, das Problem mit relativ wenig Geld in der Hand anzugehen. »Sondervermögen« wurden bekanntlich schon für unsinnigere Sachen aufgetan. Doch das wäre ein langfristiges Projekt, das eine kohärente politische Strategie voraussetzt. Deutsche Politiker wissen nur: Das regelt der Markt. Und wenn nicht – dann kann man wohl nichts machen.

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (20. Januar 2026 um 11:02 Uhr)
    So pauschal, wie der Titel es behauptet, ist er zwar nicht. Doch die Realität ist eindeutig: In den wirtschaftlich relevanten Ballungsräumen gibt es kaum noch bezahlbaren Wohnraum, während ein Großteil der städtischen Wohnungen selbst elementare Standards des 21. Jahrhunderts verfehlt. Diese Situation ist kein Naturereignis, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger politischer Entscheidungen – oder genauer: politischer Unterlassung. Deutschland leistet sich ein absurdes Prioritätensystem. Für Autos gelten höchste Komfort- und Luxusstandards als selbstverständlich, staatlich flankiert und industriell perfektioniert. Beim Wohnen hingegen wird Mangelverwaltung betrieben. Während es auf dem Automarkt Überkapazitäten gibt, wird Wohnungsknappheit politisch hingenommen und rhetorisch beschönigt. Dabei war sozialer Wohnungsbau hierzulande einmal Konsens. In der Industrialisierung wie auch nach 1955, mit dem Zuzug von Arbeitskräften, wurde Wohnraum in großem Umfang geschaffen – verdichtet, funktional und zeitgemäß. Heute dagegen wird verdichteter Wohnungsbau systematisch blockiert. Hochhäuser gelten als unpopulär, Nachverdichtung als Zumutung, während die Zersiedelung weiter voranschreitet. Die politische Fixierung auf Einfamilienhäuser und private Bauherren war kein Zufall, sondern Ausdruck eines marktliberalen Leitbilds, das Stadtentwicklung dem Renditeinteresse unterordnet. Die Chance, in den 1960er- und Anfang 70er-Jahren mit öffentlicher Hand zukunftsfähige Wohnkonzepte zu etablieren, wurde verspielt. Nun, da Kommunen finanziell ausgezehrt sind, zieht sich die Politik endgültig zurück und verweist auf den Markt. Das Ergebnis ist absehbar: Wohnen wird zur Ware, bezahlbarer Wohnraum zur Ausnahme, soziale Durchmischung zum historischen Relikt. Wer darin kein politisches Versagen erkennt, verwechselt Ideologie mit Sachzwang.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim Seider aus Berlin (20. Januar 2026 um 12:35 Uhr)
      Ich lerne hier: Früher war alles besser und dass Wohnen etwas mit dem kapitalistischen Markt zu tun hat, wäre ziemlich neu. Gab es da nicht schon im 19. Jahrhundert das unsägliche Wohnungselend, über das Engels so eindrucksvoll berichtete, die Mietskasernen des frühen 20. Jahrhunderts, die Wohnungsnot nach den imperialistischen Raubkriegen, die bis weit in die 70er Jahre hineinreichte? Und sind nicht Wohnungen eine Ware wie das tägliche Brot, seit es den doppelt freien Lohnarbeiter gibt? Das Problem besteht nicht im Versagen von Politikern, sondern im Versagen eines Gesellschaftssystems, dem der Gebrauchswert auch von Wohnungen herzlich egal ist. Hauptsache, die Kasse stimmt. Das ist heute immer noch so wie damals, als die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals die Menschen heimatlos machte und sie zwang, das Recht zum Wohnen kaufen zu müssen.
      • Leserbrief von Onlineabonnent/in Oliver Sümnick aus Hundsbach (20. Januar 2026 um 14:22 Uhr)
        Richtig! Dazu passt der Hundertwasser: »Die Architekten bauen verbrecherisch, menschenunwürdig oder zu Beton gewordene Schnapsideen. Sie bauen Gefängniszellen, in denen die Seele des Menschen zugrunde geht. Der Architekt handelt wie ein Kriegsverbrecher, er befolgt gehorsam Befehle, auch gegen sein Gewissen. Er baut Krebsgeschwüre aus Beton, die die Natur zerfressen und den Menschen mit dazu.«
      • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (20. Januar 2026 um 13:28 Uhr)
        Der Verweis darauf, dass Wohnungsnot »schon immer« existierte, ist kein Argument, sondern eine Kapitulationserklärung. Natürlich ist Wohnen im Kapitalismus eine Ware – die Frage ist, ob Politik diesen Markt gestaltet oder sich hinter ihm versteckt. Die Geschichte zeigt eindeutig: Auch im Kapitalismus wurde Wohnungsnot politisch gemildert, sobald man es wollte – durch kommunalen Wohnungsbau, Mietregulierung und aktive Stadtplanung. Dass all dies heute unterbleibt, ist kein Systemzwang, sondern eine ideologische Entscheidung. Wer jedes konkrete politische Versagen sofort zur abstrakten Kapitalismuskritik erklärt, entlastet die Verantwortlichen im Hier und Jetzt. Damit wird Kritik folgenlos und bequem. Wohnprobleme gab es vor dem Kapitalismus, ja. Aber sie lösen sich auch im Kapitalismus nicht von selbst. Sie werden politisch bearbeitet – oder politisch ignoriert. Letzteres als historische Notwendigkeit auszugeben, ersetzt Analyse durch Ausrede.

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