Im Dienste des teuren Vaterlandes
Von Karl Liebknecht
Die Stunde der Aushebung hat geschlagen. Bald kommt der Gestellungsbefehl, und das Beste, was an jugendlicher Männerkraft im deutschen Volke gewachsen ist, muss sein Bündel schnüren und Eltern, Geschwister, Kollegen und Freunde, oft selbst Frau und Kind verlassen. Muss! Da gibt’s kein Zerren und Sträuben; Gefängnismauern – drohen dem Widerstrebenden. »Das Vaterland ruft! Erbärmlich, wer sich seinem Dienst nicht freudig weiht!« So heißt es in den Schulen, so ruft es von den Kanzeln, so steht’s in allen wohlanständigen und »angesehenen« Büchern und Zeitungen.
Bisher wart ihr freie Männer, ihr jungen Proletarier, soweit kapitalistische Unkultur Proletarierfreiheit kennt. Die Hungerpeitsche aber ist ein Symbol der Freiheit im Vergleich mit dem Druck, mit der Sklaverei, unter die euch der blutig-eiserne Militarismus zwingen wird. Sklaverei! Und nicht nur immer einem, sondern jedem Offizier, jedem Unteroffizier der deutschen Armee werdet ihr auf Gnade und Ungnade ausgeliefert; jedem Wink eurer Vorgesetzten habt ihr schweigend und ohne Widerrede mit Maschinenpromptheit Tag und Nacht zu gehorchen, mag euch auch das Unsinnigste und Unmoralischste, selbst Strafbares befohlen werden. Aber: »Ohne schärfste Disziplin ist keine Armee möglich. Ist auch der Dienst fürs Vaterland schwer, erbärmlich, wer sich ihm nicht freudig weiht.« So heißt es überall, wo man auf Patriotismus hält.
Bisher durftet ihr euch Wohnsitz und Wohnung wählen; das hört nun auf – ihr werdet meist aus der Heimat weggerissen, müsst wie Auswanderer hinausziehen, werdet in Kasernen eingepfercht und in Stuben geteilt, wie eine Herde in die Ställe. Bisher durftet ihr euch außerhalb der Arbeit frei bewegen; der Militarismus wird euch von nun an keinen freien Schritt gestatten; Essen. Trinken. Schlafen, Ausgehen, alles wird diszipliniert, reguliert, kontrolliert.
Bisher durftet ihr lesen und schreiben, was euch passte; aber auch damit ist’s zu Ende. Bisher durftet ihr Vereinen angehören oder Versammlungen beiwohnen, die euch passten. Künftig werdet ihr nur lesen und schreiben dürfen, was der Vorgesetzte gestattet; schwere Strafe riskiert, wer andere als »staatserhaltende« Schriften liest oder auch nur bei sich hat, wer andere als »staatserhaltende« Reden führt, wer andere als »staatserhaltende« Gesellschaften besucht. (…)
Die ehrverletzende Kasernenrohheit, die grausame Schmach der Soldatenmisshandlungen, die selbst nach den Worten des Kaisers und des Kriegsministers von Einem die Armee beflecken, werdet ihr gar bald an euch oder euren Kameraden erdulden müssen. Und ihr dürft nicht den Heeresdienst verlassen, mag’s euch auch dem Tod oder dem Wahnsinn zutreiben. Ihr habt nicht das Recht der Erwiderung auf der Stelle: Und selbst das Recht der Notwehr wird euch bestritten. Dem Vorgesetzten hingegen wird in den Kriegsartikeln selbst das Recht des Waffengebrauchs gegen den widersetzlichen Untergebenen ausdrücklich zugesprochen. Die Beleidigung, Demütigung und Misshandlung der Untergebenen, auch die schwerste, werden von den Militärgesetzen und den Militärgerichten meist nur als vorschriftswidrige Behandlung, seltener als Körperverletzung, meist nur mit geringen, nicht entehrenden Strafen, Stubenarrest und dergleichen von kurzer Dauer, seltener mit verhältnismäßig kurzfristigen Gefängnisstrafen belegt.
Dieselben Militärgesetze und Gerichte drohen an und verfügen drakonisch harte Freiheitsstrafen, meist Zuchthaus, gegen den Untergebenen, der sich, sei es auch nur unbedacht, zur Unbotmäßigkeit und Beleidigung oder gar irgendeiner, wenn auch noch so verzeihlichen Gewalttätigkeit gegen den Vorgesetzten, und sei er persönlich noch so unwürdig und der gemeinste Soldatenschinder, hat hinreißen lassen. Die Militärgesetze messen grundsätzlich und grausam mit zweierlei Maß. Nur ein schwerfälliger und zweischneidiger, mit vielen Fallstricken versehener Beschwerdeweg schützt den Soldaten, der nicht alles einsteckt, was ihm sein Peiniger bietet. Der geringste Exzess gegen einen der unzähligen Vorgesetzten vernichtet mit tödlicher Sicherheit die Existenz des unglücklichen Soldaten.
»Auch das muss mit in Kauf genommen werden! Eiserne Disziplin ist nötig, und sie führt zu den oft bedauerlichen Folgen; aber das sind nur Ausnahmen. Tragt auch sie im Dienste des teuren Vaterlandes.« (…)
Das Vaterland schützen? Denkt an unsere chinesischen Heldentaten, an die Kämpfe in den afrikanischen Kolonien, an den Marokkohandel, der drauf und dran war, Deutschland in einen Weltkrieg zu verwickeln, Mord und Brand über Europa zu breiten. Was hatte das mit dem Schutz des Vaterlandes zu tun? Die großmannssüchtige Welt- und Kolonialpolitik mag den Interessen des großkapitalistischen Unternehmertums dienen; dem Vaterland, dem Proletariat bürdet sie nur Lasten auf.
Karl Liebknecht: Rekrutenabschied. In: Die Junge Garde, 22. September 1906. Hier zitiert nach: Karl Liebknecht: Gesammelte Reden und Schriften, Band 1. Dietz-Verlag, Berlin 1958, Seiten 183–187
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