Gegründet 1947 Dienstag, 3. Februar 2026, Nr. 28
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 20.12.2025, Seite 3 / Ansichten

Kanzler lädiert

EU-Finanzhilfen für Kiew
Von Reinhard Lauterbach
imago842935577.jpg
Die russischen Auslandsvermögen bleiben zwar unangetastet, aber der Krieg kann dennoch weitergehen (Berlin, 15.12.2025)

Mit seinem Vorpreschen im Vorfeld des EU-Gipfels hatte Bundeskanzler Friedrich Merz unmissverständlich Berlins Anspruch illustriert, EU-intern eine »Führungsrolle« in der Ukraine-Politik einzunehmen. Das tatsächliche Ergebnis sieht weit bescheidener aus. Erstens deshalb, weil die Merzsche Forderung nach Nutzung des einstweilen eingefrorenen russischen Staatsvermögens zur Absicherung neuer Ukraine-Kredite am Widerstand etlicher – und peinlicherweise kleiner – EU-Länder gescheitert ist. Deren Vertreter haben Merz statt dessen eine Lösung aufgezwungen, die ihm eben noch gestattet, das Gesicht zu wahren. Doch um welchen Preis: der Ausgabe von Euro-Bonds, also gemeinschaftlichen Schulden im Namen der EU. Etwas, das Merz ursprünglich um jeden Preis hatte verhindern wollen. Beharrlich hielt der Kanzler an der Hoffnung fest, dass die BRD mit ihrem AAA-Rating ihren Finanzbedarf werde billiger decken können als über gemeinschaftliche Schulden der EU.

Das Gipfelergebnis bleibt auch in anderer Hinsicht hinter den Hoffnungen von Merz und seiner Parteifreundin Ursula von der Leyen zurück: 90 Milliarden Euro reichen mitnichten zur völligen Absicherung des ukrainischen Finanzbedarfs für zwei Jahre. Der wurde von ukrainischer Seite zwar auf 90 Milliarden Euro beziffert, allerdings pro Jahr. Es scheint damit absehbar, dass die Europäische Union schon bald wird nachschießen müssen – oder man belässt die Ukraine, was natürlich auch ein bewährtes Druckmittel wäre, über die kommenden zwei Jahre in einem Stand finanzieller Ungewissheit. Denn dass sich Teile der ukrainischen Elite offenbar von der europäischen Finanzhilfe zur Unverschämtheit hinreißen lassen, zeigt die Äußerung des Kiewer Parlamentsabgeordneten Mikola Knjaschizkij, die EU sei wirtschaftlich so stark, dass sie sich die Unterstützung der Ukraine – und das Abzapfen von EU-Geld in irgendwelche Korruptionskanäle – unbegrenzt leisten könne. Das hätten sie gern, die Kiewer.

Der Raubgriff der EU auf das russische Staatsvermögen ist aufgeschoben. Dafür dürfte sich der Raubzug der EU verschieben – in Richtung Lebensstandard ihrer Bevölkerungen. An ihnen werden sich die Brüsseler Kriegsfinanzierer schadlos halten wollen. Sie werden als Steuerzahler für die Großzügigkeit ihrer Regierenden gegenüber dem notorischen schwarzen Loch Ukraine aufkommen müssen. Der Angriff auf die Reste des Sozialstaats gewinnt durch die »Ukraine-Hilfe« an Evidenz als »Sachzwang« des Schuldendienstes. Westeuropas Bevölkerungen werden sich andere Gegenmittel einfallen lassen müssen, um diesen Raubzug abzuwehren, als Gerichtsverfahren, wie sie dem russischen Staat zur Verfügung stehen. Obwohl es in der Summe um ähnliche Größenordnungen geht, die die Lohnabhängigen der EU haben oder eben nicht mehr.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

  • Leserbrief von Wilfried Schubert aus Güstrow (22. Dezember 2025 um 11:10 Uhr)
    Der Möchtegernführer der EU, Friedrich Merz, ist in ihr gleich zweimal gescheitert. Sein völkerrechtswidriges Vorhaben, von den illegal beschlagnahmten russischen Vermögenswerten der Ukraine 180 Mrd. Euro für den Krieg gegen Russland zu übergeben, wurde nicht beschlossen. Selbst NATO-Mitglieder stimmten dem nicht zu. Jetzt sollen es 90 Mrd. Euro EU-Mittel sein, damit das Töten und Zerstören bis zum bitteren Ende in der Ukraine fortgesetzt werden kann. Pleite Nr. 2: Die Entscheidung über das Mercosur-Abkommen mit vier südamerikanischen Staaten wurde verschoben. Es sind nicht die ersten Rückschläge. Bei der Wahl zum Bundeskanzler gelang die Wahl erst im zweiten Wahlgang mit Schützenhilfe. Erinnert sei weiter an die Stimmenthaltung der Linksfraktion beim Rentenpaket und die Zustimmung des Bremer Senates und der Regierung M-V, wo die Linkspartei mitregiert, im Bundesrat bei der Lockerung der Schuldenbremse. Die neugewählte Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung Annegret Kramp-Karrenbauer war beileibe nicht die Wunschkandidatin von Kanzler Merz. Black Rock ist doch anfälliger, als er vorgibt.
    • Leserbrief von Jürgen Fleißner aus Seeheim - Jugernheim (25. Dezember 2025 um 14:30 Uhr)
      Lieber Herr Wilfried Schubert aus Güstrow. Lassen Sie mich zwei Dunge richtig stellen. 1. ) Russisches Vermögen ist nicht beschlagnahmt oder soll beschlagnahmt werden, es ist eingefroren. 2.) Nicht die Ukraine führt einen Krieg gegen Russland sondern umgekehrt. Und wenn Sie so klug daher reden, machen Sie doch mal einen klugen Vorschlag wie der Krieg beendet werden könnte. Ich hätte da einen. Putin hört auf ukrainisches Hoheitsgebiet zu erobern und zivile Ziele zu bombardieren. So einfach ist das. Mit friedfertigen Grüßen J.Fleißner
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (20. Dezember 2025 um 12:02 Uhr)
    Wer diese Entwicklungen verfolgt, kommt an einer Frage nicht vorbei: Wer führt die EU – und vor allem wohin? Sicher nicht Merz oder Ursula von der Leyen, denn sie haben sich nicht durchgesetzt. Bleibt also Macron – mit seinen Eurobonds-Plänen? Und warum stemmt sich EZB-Chefin Lagarde gegen genau diese Verschuldung? Warum macht die EU Schulden für einen Staat, der nicht einmal Mitglied ist? Fragen über Fragen – und bislang keine überzeugenden Antworten.
  • Leserbrief von Reuter (20. Dezember 2025 um 08:28 Uhr)
    Eine Mahnung an uns alle richtete der SPD-Vizekanzler: Es werden 60 Milliarden im Bundeshaushalt fehlen. Jetzt kommen noch der Anteil Deutschlands für das Ukraine-Darlehen dazu. Das Geld wird auf dem Kapitalmarkt aufgenommen. Es werden Zinsen bezahlt werden, die auch anteilig von uns bezahlt werden müssen. Den Sozen wird wieder genug einfallen, wer das zu bezahlen hat.

Ähnliche:

  • Da guckste dumm aus der Wäsche. Merz und von der Leyen konnten s...
    20.12.2025

    Coup auf Eis

    EU verzichtet vorläufig auf den Zugriff auf russisches Staatsvermögen, um die Ukraine über Wasser zu halten. Statt dessen Gemeinschaftsschulden als Zuschuss an Kiew
  • 18.12.2025

    Zurück auf der Bühne

    Regierungserklärung: Merz feiert sich für »Diplomatie« und verlangt Einziehung russischen Staatsvermögens in der EU

Mehr aus: Ansichten