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Aus: Ausgabe vom 19.11.2022, Seite 5 / Inland
Existenznot

Almosen für Studierende

Mindestens 40 Prozent aller Hochschüler sind arm. Richten sollen es 200 Euro »Soforthilfe« – irgendwann
Von Ralf Wurzbacher
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Greifswald: Studenten demonstrieren am 3. November gegen Kürzungen und steigende Kosten

Es gibt Begriffe, die ihren Gegenstand mehr verschleiern, als dass sie ihn beschreiben. 2021 waren 37,9 Prozent der knapp drei Millionen Hochschülern in Deutschland »armutsgefährdet«, berichtete das Statistische Bundesamt am Mittwoch. Schonungslos übersetzt heißt das: Von zehn Studierenden lebten nahezu vier in Armut. »Gefahr« klingt so, als könnte man ihr noch entrinnen, wodurch die Sache weniger schlimm anmutet. Im Fall der Betroffenen ist das Augenwischerei, für den Moment sind sie einfach: arm.

In Deutschland ist man das, sobald man über weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens der Gesamtbevölkerung verfügt, was im Vorjahr monatlich 1.251 Euro entsprach. Wobei auch diese Zahl täuscht. Der Paritätische Wohlfahrtsverband hatte im Mai in einer Studie ermittelt, dass schon 2019 fast 40 Prozent der Studierenden in Einpersonenhaushalten ein Dasein unterhalb des soziokulturellen Existenzminimums fristeten, das damals bei 771 Euro lag. Ein Viertel brachte es nicht einmal über 600 Euro. Aber die Daten sind längst überholt, wie auch die »neuesten« der Behörde aus Wiesbaden. Sie beziehen sich auf die Zeit vor dem Inflationsschock, mit dem die Preise für Energie und Lebensmittel drastisch in die Höhe geschnellt sind. Stand jetzt haben zweifellos noch sehr viel mehr Studierende akute Existenznöte und fragen sich, wie sie ihren Lebensunterhalt und ihr Studium finanzieren sollen.

Die Ampelregierung hat für die Sorgen wenig übrig. Am Freitag brachte das Bundeskabinett die geplante Einmalzahlung für Studierende und Fachschüler in Höhe von 200 Euro auf den Weg. Was für bestenfalls zehn Einkäufe reicht und sich als »Soforthilfe« versteht, wird frühestens zum Jahresanfang bei den Adressaten ankommen. Weil das Bundesbildungsministerium (BMBF) in über zwei Monaten keine Umsetzungslösung gefunden hat, soll zunächst eine zentrale Internetplattform aufgebaut werden, über die irgendwann die Auszahlung erfolgt. Die Juso-Hochschulgruppen befürchten deshalb »unnötige Hürden« und weitere Verzögerungen – wie schon bei den Coronahilfen –, wodurch sich die »finanzielle Bedrängnis« noch zuspitzen werde. Statt dessen müsse das Geld »zeitnah und ohne komplizierte Verfahren« vergeben werden, erklärte der Verband am Donnerstag.

Vor einer »dramatischen sozialen Notlage« hatte tags zuvor das Deutsche Studentenwerk (DSW) gewarnt. Die Studierenden kämen »finanziell und psychisch auf dem Zahnfleisch« aus der Pandemie und wüssten »oftmals nicht, wie sie nun Strom, Gas und Lebensmittel bezahlen sollen«, äußerte sich Verbandsvorstand Matthias Anbuhl. Dabei verwies er auf die besondere Schwere der Situation für die internationalen Studierenden in Deutschland, die im Schnitt 140 Euro weniger pro Monat zur Verfügung hätten als ihre deutschen Kommilitonen. An die Regierung appellierte Anbuhl, bei den Direkthilfen nachzulegen und bei der Bundesausbildungsförderung den Grundbetrag und die Wohnkostenpauschale »so rasch wie möglich« zu erhöhen.

Der BAföG-Mietzuschuss liegt aktuell bei 360 Euro, was vielerorts nicht annähernd die Kosten deckt. Laut Statistischem Bundesamt waren im Vorjahr 76,1 Prozent der Studierenden, die allein oder in einer Studenten-WG wohnen, »armutsgefährdet«, sprich arm. Über die Hälfte ihrer Bezüge (51,1 Prozent) mussten sie einzig fürs Wohnen aufbringen. 55,5 Prozent derer mit Solo- oder WG-Unterkunft waren nicht in der Lage, unerwartete größere Ausgaben aus eigenen finanziellen Mitteln zu bestreiten. »Was wollen wir den Studierenden denn noch zumuten?« bemerkte angesichts solcher Kennziffern Nicole Gohlke von der Bundestagsfraktion Die Linke in einem Pressestatement. »Wir müssen es in Deutschland doch wohl gebacken kriegen, dass ein Studium ohne Existenznot möglich ist.« Nicht mit dieser Regierung.

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