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Aus: Ausgabe vom 05.08.2022, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Vor dem Stromausfall

Eine Bühnenfassung von »Metropolis« beim Theatersommer Netzeband
Von Sigurd Schulze
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Beim Theatersommer in Netzeband wird das Stück »Metropolis« gezeigt

Die Macher des Theatersommers Netzeband holen für ihr Repertoire gern die Schinken aus der Mottenkiste. Stücke von DDR-Autoren sucht man vergebens, mal abgesehen von Bertolt Brecht. Nun also die Bühnenadaption von Thea von Harbous Roman »Metropolis«, wobei sich für das Theater unweigerlich die wirkungsmächtige Verfilmung ihres damaligen Ehemanns Fritz Lang aus dem Jahre 1927 aufdrängt.

Für Netzeband hat Hans Machowiak eine Bühnenfassung verfasst, die alle topographischen, akustischen und technischen Möglichkeiten im Park bei der Temnitzkirche und vor allem die für Netzeband klassische Form des Synchrontheaters nutzt. Berufs- und Laienschauspieler spielen mit Masken und bewegen sich zu den über Lautsprecher eingespielten Stimmen. Masken, Bühnenbild und Kostüme von Johanna Maria Burkhart sind integraler Bestandteil der Inszenierung.

Metropolis, die futuristische Stadt aus Stahl und Stein, wird beherrscht von dem Oligarchen Joh Fredersen (Guido Schmitt, Stimme Gerd Silberbauer), der die Unterklasse gnadenlos ausbeutet und sein Unternehmen nach den modernsten Methoden leitet. Bei ihm sind die Gasspeicher zu 89 Prozent gefüllt. Dank der Rendite lebt die Oberklasse der Stadt ein luxuriöses Leben, die Unterklasse steht mit Roboterdisziplin »zur Verfügung«. Dennoch regt sich Widerstand. Bei einem tödlich verunglückten Arbeiter werden Umsturzpläne gefunden, was Fredersen zu erhöhter politischer Repression veranlasst. Widersprüche im System nimmt auch sein Sohn Freder (Annika Baumgarten, Stimme Daniel Pietzuch) wahr. Der verliebt sich in die Arbeiterin Maria und lernt von ihr, dass auch die Menschen der Unterstadt seine Brüder sind. Sein Versuch, auch den Vater davon zu überzeugen, führt zu verschärfter Überwachung. Zwecks besserer Kontrolle lässt sich Fredersen vom Erfinder Rotwang den Maschinenmenschen »Maria« basteln. Die Maschine verselbständigt sich und ruft die Arbeiter zur Rebellion auf. Die erheben sich und zerstören die ausbeuterische Maschinerie der Stadt. Der Stromausfall legt die Belüftung und die Pumpen lahm. Durch Wassereinbruch ertrinken die Arbeiter. Die Botschaft ist reichlich nebulös. Harbou hatte als Fazit den Sinnspruch »Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein« gedichtet: Habt euch alle lieb, und alles wird gut.

Der in der monströsen Fassung seiner Uraufführung nicht mehr existierende, soweit die Materiallage es zuließ restaurierte Film von Fritz Lang faszinierte das zeitgenössische Publikum mit seiner futuristischen Ausstattung und hervorragender Filmtechnik. Er fiel dennoch zunächst durch. Die meistgebrauchten Worte der Kritiker waren Kitsch, Gefühlsphrasen, Sentimentalität. Siegfried Kracauer sah eine Vorausahnung der Nazigesellschaft, der »Volksgemeinschaft«, eine Art somnambule  Skizze kommender Schreckensherrschaft. Thea von Harbou war überzeugte Nazisse, auch nach 1945. Bekannt ist, dass Fritz Lang nicht mehr mit Harbous Drehbuch einverstanden war – wegen des Herzens als Mittler. Er wollte den Film ganz anders enden lassen, wie die Kritikerin Lotte Eisner überlieferte. Wie Lang es sich genau vorstellte, ist nicht bekannt.

War aus dem Stoff also nichts anderes zu machen als klassenversöhnlerische Soße? Der Harbou-Sinnspruch war Machowiak zu kitschig und verfänglich. Er hängte den Satz an, Mittler zwischen den Menschen dürfe nur der Mensch sein – was den Quatsch noch quatschiger macht.

Machowiak hat dennoch schöne Regieeinfälle. Zum Beispiel betritt die Arbeiterklasse zu Beginn sehr überzeugend als einige Masse  die Szene. Was im Stück zu kurz kommt, sind die gewohnten mitreißenden Klänge und Tänze, die gerade den jungen Schauspielern viel Spaß machen. Ein Stück im Stück bietet Uschi Schneider als Ingenieurin des Zentralrechners, mit der Stimme von Carmen Maria Antoni. Gerade die Figur, die den Erhalt des Systems sichern soll und will, führt für Minuten großes Theater vor, so als könnte sie dem Stück eine Wendung geben. Ein Bruch im Stil der Inszenierung, der den komödiantischen Schwung von Netzeband ahnen lässt.

Nächste Vorstellungen: 5., 6., 12., 13., 19. August

https://netzeband-kultur.de

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