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Aus: Ausgabe vom 29.07.2022, Seite 11 / Feuilleton
Verkehr

Zug nach nirgendwo

Auf Abenteuerfahrt mit der Deutschen Bahn
Von Eileen Heerdegen
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Geht am besten mit der Deutschen Bahn: Das Leben in vollen Zügen genießen

Seit 17 Jahren pendele ich zwischen Hamburg und Wien. Damit die kürzlich in Hamburg gemessenen 40,1 Grad kein Vorzeichen für unbewohnbare Städte werden, fahre ich Bahn. Nicht immer ohne Probleme, nicht immer ist die Bahn schuld. Für einen eklatanten Mangel an Planung und Kommunikation ist sie dagegen fast ein Synonym.

Samt Gepäck einen langen ICE entlangrennen, weil wieder die Wagenstandsanzeige nicht stimmt. Sich zur einzigen, noch nicht defekten, aber völlig verdreckten Toilette am anderen Zugende durchkämpfen. Ein ICE fuhr drei Stunden komplett ohne WC, das Twitter-Team der DB Personenverkehr antwortet auf Beschwerden nur lapidar, man habe wohl lieber den Zug überhaupt fahren lassen wollen. Diese Kaltschnäuzigkeit gegenüber Kunden wird sich vielleicht nur ändern, wenn ihnen irgendwann mal jemand mitten in den Bistrowagen kackt.

Hartmut Mehdorn wird gerade 80 und dafür mit Artikeln gefeiert. Er fühlt sich völlig unschuldig. Der Ex-Bahn-Chef hat schließlich aus Schulden Gewinn gemacht, leider zum Nachteil für die deutschen Bahnkunden. Ein Drittel der DB-Mitarbeiter ist im Ausland beschäftigt, für die Beteiligung an internationalen Prestigeprojekten wurden mehr als 5.400 Bahnkilometer stillgelegt, vor allem im Osten Deutschlands. Weichen und Ausweichgleise – unnötig. Dass die ICE bei Hitze schwächeln, ist seit Jahren bekannt – was soll’s.

Mittwoch, 20.7., Wien Hauptbahnhof, 11 Uhr, 36 Grad. Wagen Nr. 11: Keine Klimaanlage, keine Anzeige von Wagennummer und Reservierungen. Laut Schaffner schon seit zwei Wochen. Kann stimmen. Der Aufkleber wirkt älter, und die Wagennummer wurde auch nicht erst heute mit Filzstift an die Scheibe gekritzelt. (Die dazu angeschriebenen Kollegen der DB-Presse haben mir bisher nicht einmal den Eingang meiner Mail bestätigt.) Nach kurzer Zeit ist es unerträglich, weit über 40 Grad. Es wird lauwarmes Wasser verteilt. Die Haut ist heiß, der Kopf schmerzt. In Passau wird geprüft, ob überhaupt Luft einströmt, das Abteil schließlich für unbenutzbar erklärt. Leider fehlen heute aber die Wagen 31 bis 38, der überfüllte Zug ist bis auf den letzten Fleck am Fußboden besetzt. Die Zugführerin erklärt barsch, man müsse halt stehen, die freundliche Schaffnerin organisiert wenigstens einen Platz für eine alte Frau und schließlich auch für uns. Allerdings mit vollem Gepäck einmal durch den gesamten Zug, sie tatkräftig mit den schwersten Koffern voran.

Umsteigen in Nürnberg, 38 Grad, der Zug über Berlin nach Hamburg verspätet sich um eine Stunde. »Reparatur am Zug« – das klingt unschön, ich sehe eine Alternative auf dem Nebengleis. Ohne Reservierung? Lieber nicht. Der Zug kommt, wir warten eine Stunde mit nur zwei Durchsagen: 1. Es geht gleich los, 2. Alle aussteigen, Zug defekt. Gegenüber wartet ein ICE nach Berlin, alles stürzt hinüber. Es sieht aus wie in Tokios U-Bahn. Und was soll ich in Berlin? Mein Handy hat keinen Empfang, die einzige Durchsage, die klar und deutlich zu verstehen ist, weist auf das Alkoholverbot im Bahnhof hin. Genau jetzt möchte ich mich einfach nur betrinken. Statt dessen mit Koffer, Tasche und Rucksack nach unten zur Info. Ein ICE nach Hamburg fährt in dieser Minute ab. Ein weiterer hat Verspätung, den könnte ich noch bekommen. Gleis 6. Mit Koffer, Tasche und Rucksack also wieder hinauf. Auf Gleis 6 steht aber noch der defekte Zug, jemand ruft mir Gleis 8 zu. Also wieder hinunter, wieder hinauf, auf Gleis 8 wird gepfiffen, ich renne los, Pech gehabt. Ich bin der Verzweiflung nahe, der pfeifende Schaffner beruhigt mich, das war der Zug, der vorhin angeblich schon gefahren war, »meiner« kommt erst noch. Allerdings auf Gleis 6. Ich verweise auf das defekte Exemplar dort, nein, der werde gleich weggeschleppt. Wieder hinunter und bei der 6 wieder hinauf. Durchsage, der verspätete ICE nach Hamburg heute auf Gleis 8. Jacques Tatis Monsieur Hulot ist nichts dagegen. Ich schaffe es dann tatsächlich noch rechtzeitig hinüber und hinein und werde mit einem klimatisierten, fast leeren Abteil belohnt. Stau auf der Strecke, langsame Güterzüge, ein freundlicher, fröhlicher Zugführer informiert regelmäßig, mir sind die weiteren Verspätungen schon völlig egal. In Hannover kurze Panik bei der Mitteilung, der Lokführer habe Feierabend, und der Ersatz sei noch verspätet unterwegs. Aber, alles gut, am Ende bin ich dreieinhalb Stunden verspätet und habe dafür etwas zu erzählen.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Michael M. aus Reichsmustopp (29. Juli 2022 um 12:17 Uhr)
    Junge Frau, wer ein gutes Pendel benutzt (Aufhängepunkt, Stab- bzw. Bandlänge) bedarf keines anderen Verkehrsmittels.

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