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Aus: Ausgabe vom 28.06.2022, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Kaltes Bier an der Bushaltestelle

Von Pierre Deason-Tomory
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Man könnte ein Bier an der Bushaltestelle trinken, überlegt er, jetzt schon, um zehn! Der Gedanke gefällt ihm.

Der lange graue Mann läuft am Freitag vormittag durch die ausgestorbene Ortsmitte der winzigen Stadt B. Es ist erst zehn Uhr, aber schon recht warm, Graumann hat das Jackett über die Schulter geworfen. Der Bus wird erst in einer halben Stunde kommen. Er sieht sich um und erspäht einen Getränkeladen. Man könnte ein Bier an der Bushaltestelle trinken, überlegt er, jetzt schon, um zehn! Der Gedanke gefällt ihm. Er betritt das Geschäft, kommt kurz darauf mit einem eisgekühlten Rosen-Pils wieder heraus und geht zur Haltestelle. Eine Frau steht davor und raucht, eine Tasche und ein Rucksack liegen auf der Bank. Sie schiebt alles zur Seite, damit Graumann sich setzen kann. Die Mauer dahinter wirft Schatten, es ist angenehm kühl in diesem Bushäuschen. Graumann öffnet das Bier mit seinem Taschenmesser.

»Auf Ihr Wohl!«

»Och! Kannste mir ooch eens bringen?«

»Ich könnte so lange auf Ihre Sachen aufpassen, während Sie sich selbst eins holen.«

»Nee, das jeht nicht, da darf ich nich mehr rein. Hab nüscht jemacht, weeß ooch nich, warum.«

Graumann denkt bei sich: Jetzt tu ihr doch den Gefallen, und fragt: »Auch so eins?«

»Nää, e großes.«

»Welches?«

»Köstritzer. Und noch zwee Schnäpse, e großen und e kleen.«

Sie gibt ihm einen Fünfeuroschein.

»Welchen Schnaps?«

Sie öffnet den Rucksack, Graumann sieht Sternburg-Flaschen darin liegen und einen schwarzen Jack Daniel’s. Sie zieht ein kleines braunes Fläschchen heraus und zeigt es ihm. Gebirgskräuter. Er geht zum Getränkeladen und bringt der Frau kurz darauf Bier und Schnäpse und sieht sie sich genauer an. Munter und gutgelaunt schaut sie aus, lacht, zeigt Zahnlücken. Raspelkurzes Haar, Brille, sehr dünn, sie steckt in einem sauberen Arbeiteroverall in Grau und Rot mit kurzen Hosenbeinen.

»Mach mir ma bitte auf.«

Er öffnet ihr die Bierflasche.

»Du bist wohl nicht von hier?«

»Aus Weimar.«

»Bin aus Dängelstedt. Da sind alle nur bekloppt. Vorhin habense Riesenärjer jemacht wejen meine Musik, die Bekloppten.«

»Was hören Sie so?«

»Blasmusik. Und alle Sorten Musik, aber nur gude. Freuen tun die sich sonst immer, die Bekloppten, über meine Musik, aber heute … Aber is doch ejal, is Freitag. War heute schon einkoofen und gestern ooch, solange noch Geld da is. Ich hab e Betreuerin, die passt da drauf auf, die is aus Apolda, die is schon okay.«

Leute kommen dazu. Alle stehen im Schatten der Mauer auf dem Bürgersteig, nur Graumann sitzt auf der Bank.

»Wo wohnen Sie gleich wieder?«

»In Dängelstedt, no!«

Er googelt und findet immer nur Dingelstedt.

»Da fahr’ ich mit dem Bus hin! Wir haben e Kneipe im Dorf!«

»Dingelstedt?«

»Nää, Dängelstedt.«

Die App der Nahverkehrsgesellschaft findet ein Thangelstedt, wo der Bus nur alle paar Stunden hält.

»Und Sie haben noch eine Kneipe im Ort?«

»Ja, da is e Kneipe, da kannste rein, wenn die offen is, steht schwarz auf weiß dran, da kannste rein, na ja.«

Sie lacht.

»Nur ich nich. Da darf ich ooch nich mehr rein.«

»Was ist passiert?«

»Ich wär völlig rum jewesen, aber is doch ejal! Ich trink’ mo eens, aber die annorn trinken viel!«

Ein Fahrradfahrer kommt vorbei.

»Ich habe ooch e Fahrrad. Jähe aber immer spazieren, wenn schönes Wetter is. Kann nich den ganzen Tag in der Bude hocken, muss raus. Morgen soll’s mehr wie 40 Grad haben!«

»Ich werde zu Hause bleiben und die Vorhänge zuziehen.«

»Nää, ich muss raus, kannst doch nicht den ganzen Tag … Dein Bus kommt! Der fährt nach Weimar, den musste nähm!«

Sie selbst bleibt stehen und nickt freundlich zum Abschied. Im Bus sieht Graumann in der App nach, wann ihrer kommt, und stellt fest: Der, in dem er sitzt, wäre ihr Bus gewesen. Der nächste nach »Dängelstedt« geht erst in drei Stunden.

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