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Aus: Ausgabe vom 23.06.2022, Seite 16 / Sport
Gewalt im Sport

Ein wichtiger Schritt

Die unabhängige Beratungsstelle »Anlauf gegen Gewalt« bietet Leistungssportlern psychotherapeutische und rechtliche Hilfe
Von Andreas Müller
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»Für mich als noch aktive Athletin ist es superwichtig zu wissen, dass ich jetzt Leute hinter mir habe, die sich hundertprozentig für mich einsetzen.« – Lea Krüger

Ein Novum im bundesdeutschen Leistungssport: Seit Mitte Mai gibt es mit »Anlauf gegen Gewalt« eine unabhängige Beratungsstelle für aktive und ehemalige Kaderathletinnen und -athleten, die im sportlichen Umfeld physische, psychische oder sexualisierte Gewalt erfahren haben. Sie bietet Betroffenen psychotherapeutische und rechtliche Erstberatung am Telefon, zudem längerfristige Begleitung durch versiertes Fachpersonal. Das Angebot soll auch den Angehörigen von Opfern sexualisierter oder psychischer Gewalt im Spitzensport offenstehen, betont der Verein Athleten für Deutschland (AD), der die Anlaufstelle gefordert und schließlich aufgebaut hat.

In den ersten Wochen habe sich »eine niedrige zweistellige Zahl von Personen« schriftlich oder telefonisch an die neue Stelle gewandt, hieß es auf jW-Anfrage. Darunter seien auch »Hinweisgeber« gewesen, die auf Missstände aufmerksam machen wollten. Details und Anzahl der Vorgänge – auf Wunsch auch anonym behandelt und erfasst – würden Ende des Jahres in einem ersten Bericht ausgewertet.

Im Gegensatz zu den bisherigen Angeboten, bei denen betroffene Sportlerinnen und Sportler auf ihre Verbände angewiesen waren, haben die Athletinnen und Athleten jetzt die Möglichkeit, ihre Anliegen einer unabhängigen Stelle vorzutragen. Das betont auch AD-Vizepräsident Tobias Preuß. Fechterin Lea Krüger, die Mitglied im AD-Präsidium ist, sagt: »Für mich als noch aktive Athletin ist es superwichtig zu wissen, dass ich jetzt Leute hinter mir habe, die sich hundertprozentig für mich einsetzen.« Nach Angaben der Interessenvertretung, die aktuell rund 1.500 Mitglieder repräsentiert, hätten sich schon vor dem Start von »Anlauf gegen Gewalt« rund zwei Dutzend betroffene Athletinnen und Athleten gemeldet. Seit dem Februar 2021 hätten pro Monat »im Durchschnitt etwa ein bis zwei Personen« angefragt.

Wie viele es in den kommenden Monaten noch werden könnten, davon vermittelt eine Studie aus dem Jahr 2017 einen Eindruck. Damals gaben von etwa 1.800 befragten Leistungssportlerinnen und -sportlern mehr als 85 Prozent an, schon einmal mit psychischer Gewalt in Berührung gekommen zu sein. Über ein Drittel berichtete von Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt, und 30 Prozent der Befragten gaben an, Erlebnisse mit psychischer Gewalt zu haben.

Ein dramatischer Befund. Deshalb erarbeitete der AD vor über einem Jahr ein Impulspapier zur Begründung eines nationalen Zentrums für Safe Sport. Das für Spitzensport zuständige Bundesministerium des Innern (BMI) gab nach einer Machbarkeitsstudie inzwischen grünes Licht. Der olympische Dachverband DOSB hingegen beachtete den Vorschlag kaum, er setzt lieber auf eine eigene Anlaufstellen.

Noch steht ein genauer Termin für die Einweihung des geplanten Zentrums für Safe Sport aus. Doch auch danach solle die neue Anlaufstelle weiterarbeiten, so AD-Vizepräsident Preuß. Beide Einrichtungen, sagt er, sollten künftig parallel arbeiten und miteinander vernetzt sein. »Anlauf gegen Gewalt« soll sich in der »individuellen Beratung« etablieren, die Finanzierung ist dank zweier Privatstiftungen bis Jahresende gesichert. Das geplante Zentrum für Safe Sport soll sich dagegen auf wissenschaftliche und präventive Arbeit konzentrieren.

»Anlauf gegen Gewalt« – die unabhängige Anlaufstelle für Betroffene von interpersonaler Gewalt und Missbrauch im Spitzensport, Mail: kontakt@anlauf-gegen-gewalt.org, Telefon: 0800 90 90 444, telefonische Sprechzeiten: Mo. 11–14 Uhr und Do. 16–19 Uhr

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