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Aus: Ausgabe vom 28.05.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Wie kommt man wohl rüber?

Das politische Theater der AfD: Andreas Wilckes Dokumentarfilm »Volksvertreter«
Von Kai Köhler
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Politik ist Kasperletheater: Armin-Paul Hampel, Außenpolitiker (AfD)

Man muss sie nur reden lassen, dann entlarven sie sich selbst: Dieses Konzept verfolgt Simon Brückner mit seinem AfD-Film »Eine deutsche Partei«, der bei der diesjährigen Berlinale uraufgeführt wurde, und nun ebenso Andreas Wilcke mit seiner Dokumentation »Volksvertreter«. Während Brückner einen Schwerpunkt auf den Konflikt zwischen den Radikalen und den noch Radikaleren ab 2019 legt, setzt Wilcke bereits mit dem Einzug der AfD in den Bundestag 2017 an.

Die Protagonisten sind vier Abgeordnete, von denen der Außenpolitiker Armin-Paul Hampel noch der bekannteste ist; bekannt vor allem dafür, dass er dem selbst für AfD-Verhältnisse als zerstritten zu bezeichnenden niedersächsischen Landesverband vorsaß, bis 2018 der Bundesvorstand durch seine Absetzung zu retten versuchte, was eben noch zu retten war. Jedenfalls, wir sehen, wie Wilckes vier Hauptpersonen sich anfangs in der für sie neuen Welt »Bundestag« orientieren, stolz ihre Büros beziehen (Ist das die Sonnenseite – leider nein!), ihre ersten Schritte tun.

Eines muss man diesen Vertretern zugestehen: Sie denken »ans Volk«. Kein Auftritt ohne Foto, das nicht sogleich über Social Media verbreitet wird. Oft ist eine Kamera dabei. Hingebungsvoll werden Texte auf ihre Wirkung hin umformuliert. Man kann den Seufzer eines Fraktionsmitarbeiters nachfühlen, der gesteht, wie gern er einmal fachspezifisch arbeiten würde. Doch sofort wird er auf die eigentliche Frage zurückgeworfen, nämlich wie man die Inhalte an besten verkaufen könne. An anderer Stelle heißt es (eine ziemlich gängige Metapher): »Politik ist Theater.«

Für Kommunalpolitiker führen die Politprofis vor Ort Schulungen durch: Wie erreicht man für die eigenen Aktionen Reichweite? Welche Mittel gibt es, den Gegner vorzuführen? »Also wenn gar keine anderen Mittel mehr gehen, dann kann man immer noch mit Schmutz werfen.« Dies aber ist sicherlich keine Besonderheit der AfD. Die Besonderheit liegt eher in der Konsequenz, mit der die Partei die konstruktive Beteiligung an der parlamentarischen Arbeit verweigert.

Es ist die Haltung von Leuten, die begriffen haben, dass sie nicht mitmachen dürfen oder zumindest noch nicht, und folgerichtig auf Außenwirkung setzen. Vielleicht sollte sich die Restfraktion der Linkspartei einmal diesen Film anschauen. Klar ist auch die Gegnerbestimmung, die manchen überraschen mag. »Unser eigentlicher Feind« ist für Hampel die CDU. Sie habe das größte Interesse und auch die meisten Instru­mente, die AfD loszuwerden. »Die Grünen, das sind die ideologischen Gegner, und die Schwarzen, das sind die taktischen Gegner.« Die Linken aber hält er für »völlig unwichtig, die kleine Pippipartei da«.

Wie filmt man so etwas? Man sollte doch meinen, dass Leute, denen es stets auf Außenwirkung ankommt, auf jedes vor einer Kamera gesprochene Wort achten. Tatsächlich zeigt Wilcke mindestens eine Szene, wo der Verdacht aufkommt, dass sie sich ohne seine Anwesenheit anders entwickelt hätte. Bürgerversammlung: Einer der vier Protagonisten referiert über Versuche, die AfD in die Naziecke zu stellen. Einer der Besucher patzt: Wieso? Sei man denn nicht für einen nationalen Sozialismus? Sofort erhält der Mann ein Hausverbot als Provokateur.

Aber dann sieht man, wie mit Norbert Kleinwächter einer der vier Prot­agonisten als Vertreter der »Gemäßigten« gegen Andreas Kalbitz antritt, um den Landesvorsitz in Brandenburg zu übernehmen. In einem Zweiergespräch, bevor das Abstimmungsergebnis bekanntgegeben wird, plaudert Kleinwächter Interna aus: Die Medien würden bald alle Leichen ausbuddeln, die der als Nazi verschriene Kalbitz im Keller habe. »Aber gut, das ist sein persönliches Schicksal, da kann ich jetzt auch nichts dran ändern.«

So schlau sich diese Leute vorkommen, so gern zeigen sie offensichtlich ihre Schläue vor. Bestürzend sind nicht die politischen Inhalte, die Wilcke zeigt. Sehr wenig von dem, was im Film gesagt wird, könnte nicht – geringfügig milder formuliert – auch im Mainstream vorkommen. Nach allem, was AfDler in den letzten Jahren so gesagt haben, wirkt kein einziger Satz mehr skandalös. Viel interessanter sind die Charaktere der »Volksvertreter«.

Zwar dürfte fast jeder Politiker ein wenig eitel sein – sonst würde die berufstypische Öffentlichkeit bald zur Qual. Diese vier Abgeordneten aber finden nichts dabei, all ihre kleinen Tricks vorzuführen. Ständig schauen sie sich die Bilder und Filmchen an, die zu Propagandazwecken von ihnen angefertigt werden. Und ständig scheinen sie sich dabei zu fragen: Wie war ich? Wie komm’ ich rüber? Und wenn dazu noch dieser Regisseur mit seiner Kamera dabei ist und das alles aufnimmt und ins Kino bringt: Wie toll ist das denn!

Solche Szenen zeigen eine grenzenlos selbstgefällige Egozentrik und machen den Erkenntniswert von Wilckes Dokumentation aus. Nur am Rande zeigt sie das, was über die AfD ohnehin via Fernsehen und Zeitung zu erfahren war. Man sieht die zweite Reihe der Akteure: Wie sie sich geben, was sie unter Politik verstehen. Man lernt diese Partei besser kennen, die totzusagen leider verfrüht wäre.

»Volksvertreter«, Regie: Andreas Wilcke, BRD 2021, 96 Min., bereits angelaufen

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