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Aus: Ausgabe vom 19.04.2022, Seite 7 / Ausland
Vor den Wahlen

Erinnerung und Wahlkampf

Nordirland: Parteien bringen sich bei traditionellen republikanischen Osterparaden in Position
Von Dieter Reinisch, Belfast
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Osterparade in Derry in Nordirland anlässlich des 100. Jubiläums des republikanischen Aufstands (28.3.2016)

Zwei Jahre wurde wegen der Pandemie pausiert, doch an diesem Wochenende sind wieder die traditionellen republikanischen Osterparaden abgehalten worden: Die dichte Wolkendecke und der ständige Nieselregen konnten die Tausenden Teilnehmer nicht davon abhalten, die Falls Road im nordirischen Westbelfast zu säumen.

In ganz Irland marschieren von Karfreitag bis Ostermontag in Hunderten Paraden Republikaner, um an den Aufstand gegen die britische Kolonialmacht im Jahr 1916 zu gedenken. Damals riefen Rebellen die unabhängige Republik aus. Der Aufstand wurde rasch niedergeschlagen, doch entfaltete er ein antikoloniales Feuer. Nach dem darauffolgenden Unabhängigkeitskrieg trennte sich der Süden von der britischen Kolonialmacht, 1921 entstand Nordirland.

In Belfast finden die größten Gedenkmärsche statt. Die Falls Road entlang zieht das gesamte Wochenende hindurch eine republikanische Schar unterschiedlichster Gruppen zu den Grabstätten am Friedhof Milltown: IRSP, ORM, RNU, Lasair Dhearg (Roter Stern), zwei unterschiedliche Workers Partys, Aontacht und RSF heißen die Organisationen, die irgendwann aufmarschieren.

Die größte Parade wurde von der National Graves Association organisiert – sie steht der republikanischen Partei Sinn Féin nahe. Sie versammelte sich am frühen Sonntag nachmittag an der Beechmount Avenue und zog angeführt von einigen republikanischen Blasmusikgruppen die 1,5 Kilometer zum Friedhof. Entlang der Route winkten Tausende Schaulustige mit kleinen irischen Fahnen und Luftballons. Die Stimmung war gut, aber nicht ausgelassen. Zu staatstragend wirkte die Sache in diesem Jahr.

In knapp zwei Wochen wählt Nordirland ein neues Parlament. Sinn Féin ist seit dem Brexit im Umfragehoch. Derzeit führt sie mit mehr als zehn Prozentpunkten und dürfte erstmals stärkste Partei werden und dadurch das Recht haben, ihre Spitzenkandidatin Michelle O’Neill zur Regierungschefin zu nominieren.

In ihrem Marsch an die Spitze Nordirlands hat die Partei aber ihren revolutionären Elan verloren. Als Hauptrednerin war am Sonntag die Parteivorsitzende Mary Lou McDonald aus Dublin gekommen. Rund 2.000 Unterstützer waren geblieben, um sich anzuhören, wie McDonald Sinn Féin als die zukünftige Regierungspartei in Belfast und Dublin skizzierte und versuchte, den probritischen Unionisten ein vereintes Irland schmackhaft zu machen: »Unionisten, die Zukunft gehört euch. Die britische Regierung hat euch im Stich gelassen.«

Sie versprach, dass die Partei sich vor allem um die soziale Frage, um Wohnungen und Arbeit kümmern wird. Dafür erntete sie großen Beifall. Doch nicht alle hier in Westbelfast kaufen es der Partei ab.

Die marxistische IRSP kandidiert daher auch erstmals im Wahlkreis, in dem fünf Plätze zu vergeben sind. Im Gespräch mit jW erklärt ihr Kandidat Dan Murphy, dass Sinn Féins Politik nur auf die Unterstützung der Hauseigentümer ausgerichtet ist und die Mieter im Stich gelassen werden. Seine Partei will den Fokus auf die Wohnungsnot legen und kämpft seit Jahren gegen Räumungen: »Mehrere ehemalige Sinn-Féin-Familien unterstützen nun unseren Wahlkampf.« Zur IRSP-Parade sind am Sonntag ein paar hundert Menschen gekommen.

Die zweitgrößte Parade wurde am Sonntag vom Republican Network for Unity (RNU) organisiert. Dort sprach als Gastredner der ehemalige türkische Hungerstreikende Sinan von der revolutionären Volksbefreiungsfront. Ihm hörten rund 500 Teilnehmer zu. Diese hörten auch eine Stellungnahme von drei bewaffneten Mitgliedern von Óglaigh na hÉireann, einer paramilitärischen Organisation, die sich seit Januar 2018 im Waffenstillstand befindet. Sie drohte mit Vergeltung, falls Loyalisten während der Proteste gegen das Brexit-Protokoll nationalistische Wohngegenden angreifen.

RNU lehnt die Wahlen ab und kritisiert die Kandidatur der IRSP. Ihr Vorsitzender Eddie Quinn erklärt im jW-Gespräch: »Ein Wahlsieg von Sinn Féin wird nichts ändern. Es wird uns nicht näher an ein vereintes Irland bringen, denn durch die Wahl wird das System nur legitimiert und dadurch gestärkt.«

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