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Aus: Ausgabe vom 26.11.2021, Seite 6 / Ausland
US-Justizsystem

»Eklatanteste Justizirrtümer«

Mord an Malcolm X: Zwei 1966 verurteilte Angeklagte freigesprochen. Aktivisten stellen Frage nach Komplizenschaft des Staates
Von Jürgen Heiser
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Seine Ermordung war »ein historisches Ereignis, das eine gewissenhafte Untersuchung und Strafverfolgung erfordert« hätte: Malcolm X am 21. Mai 1964 in New York

Wer den afroamerikanischen Freiheitskämpfer Malcolm X 1965 ermordet hat, bleibt weiter ein gut gehütetes Geheimnis der Sicherheitsorgane der USA. Allerdings steht seit dem 18. November 2021 fest, dass zwei 1966 als seine Mörder verurteilte Angeklagte die tödlichen Schüsse keinesfalls auf ihn abgefeuert haben. Am Donnerstag vergangener Woche sprach eine New Yorker Strafkammer unter Vorsitz von Richterin Ellen Biben den heute 83jährigen Muhammad Aziz und den bereits 2009 verstorbenen Khalil Islam von dem Vorwurf frei. Beide waren damals Mitglieder der »Nation of Islam«, von der Malcolm X sich 1964 getrennt hatte. Seit ihrer Verhaftung hatten sie stets ihre Unschuld beteuert.

Eine fast zwei Jahre währende offizielle Untersuchung der Bezirksstaatsanwaltschaft Manhattan (New York) brachte nun zutage, dass nach dem Mordanschlag auf den 39jährigen Malcolm X sowohl die US-Bundespolizei FBI als auch das New York Police Department (NYPD) wichtige Beweise unterdrückt hatten, die schon vor 55 Jahren zwingend zum Freispruch von Aziz und Islam hätten führen müssen. Ferner belegen die Akten, dass der verstorbene FBI-Direktor John Edgar Hoover seinen Agenten und V-Leuten befahl, gegenüber Ermittlern und Anklage nicht zu verraten, dass sie bei dem Mordanschlag vor Ort waren.

Bürgerliche US-Medien wie ABC News feierten nach dem Urteil Bezirksstaatsanwalt Cyrus Vance und kolportierten, er habe »nach Ausstrahlung der Netflix-Dokuserie ›Who Killed Malcom X?‹ vor einem Jahr einen neuen Blick auf den Fall geworfen«. Der Sieg über das Unrecht ist indes vor allem der Anwältin Deborah Francois, ihrem Kollegen David Shanies und einem New Yorker »Innocence Project« der »Cardozo School of Law« an der Yeshiva-Universität zu verdanken. Wie »Unschuldsprojekte« an anderen US-Jurafakultäten nimmt auch dieses sich offensichtliche Fehlurteile vor und arbeitet die Akten mit ehrenamtlichen Teams von Studierenden, Lehrenden und kooperierenden Anwälten durch.

Die Ausgangslage jahrelanger Recherche war, dass am 21. Februar 1965 eine Gruppe von drei Männern Malcolm X während einer Versammlung der von ihm neugegründeten »Organisation für Afroamerikanische Einheit« im Audubon Ballroom in New York City erschoss. Mujahid Abdul Halim, damals als Talmadge Hayer bekannt, wurde am Tatort gefasst. Seine zwei Komplizen entkamen. Erst einige Tage später wurden Aziz und Islam in ihren Wohnungen verhaftet und zusammen mit Halim unter Mordanklage gestellt. Es gab keine physischen Beweise, die sie mit dem Mordanschlag oder mit Halim in Verbindung brachten. Beide waren nicht vor Ort, was eindeutige Alibis belegten. Halim, der alle Vorwürfe zunächst abstritt, gab während des Prozesses seine Täterschaft zu und beteuerte, Aziz und Islam hätten »nichts damit zu tun«. Trotzdem wurden alle drei zu lebenslanger Haft verurteilt. Aziz und Islam wurden Mitte der 1980er Jahre nach rund zwei Jahrzehnten Gefängnis auf Bewährung entlassen, lebten aber weiter mit dem Stigma, die »Killer von Malcolm X« zu sein. Halim kam 2010 frei.

Der 83jährige Aziz kann jetzt mit seiner leidgeprüften Familie den späten Triumph noch genießen, für den verstorbenen Khalil Islam kommt er zu spät. Bis zum Schluss hatte er auf seine Rehabilitierung gehofft. Auf einer Pressekonferenz nach dem Freispruch empörte sich Anwalt Shanies darüber, dass beide »in der Blüte ihres Lebens ihrer Freiheit beraubt und als Mörder eines überragenden Anführers des Bürgerrechtskampfs gebrandmarkt« worden seien. Ihre Entlastung sei »die gerechte und wohlverdiente Bestätigung ihres wahren Charakters«.

Barry Scheck, Mitbegründer des »Innocence Project«, nannte dem Mord an Malcolm X »ein historisches Ereignis, das eine gewissenhafte Untersuchung und Strafverfolgung erfordert« hätte, statt dessen aber »zu einem der eklatantesten Justizirrtümer führte, die ich je gesehen habe«. Mit Bezug auf George Orwells Aussage, »wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft«, griff Scheck »die falsche historischen Darstellung des Mordes an Malcolm X« an. Dass sie jetzt zumindest teilweise korrigiert sei, könne helfen, »künftige Justizirrtümer zu verhindern«.

Seine Kollegin Vanessa Potkin betonte, die von »FBI und NYPD unterschlagenen Beweise für die Unschuld von Aziz und Islam« würden auch »ein Schlaglicht auf unbeantwortete Fragen zur Komplizenschaft des Staates bei der Ermordung von Malcolm X werfen«. Diese machten »weitere Untersuchungen erforderlich«.

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