75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Freitag, 21. Januar 2022, Nr. 17
Die junge Welt wird von 2602 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 29.11.2021, Seite 5 / Inland
Kein Aufschwung in Sicht

Wirtschaft warnt vor hartem Winter

Coronapandemie und Lieferengpässe: BRD bleibt ökonomisch im Krisenmodus
Konsum_71787226.jpg
Von den anderen Euro-Staaten abgehängt: Konjunkturbremse Deutschland

Der BRD-Wirtschaft steht nach Einschätzung von Volkswirten führender Finanz- und Wirtschaftsinstitute ein harter Winter bevor. »Nach dem sommerlichen Konjunkturboom dürfte es zum Jahreswechsel allenfalls noch für ein Miniwachstum reichen«, sagte Katharina Utermöhl von der Allianz-Gruppe in einer Umfrage der Nachrichtenagentur dpa. Marc Schattenberg von der Deutschen Bank erwartet sogar einen Stillstand über die kommenden Monate. »Ich rechne mit einer Stagnation des Wirtschaftswachstums im Winterhalbjahr«, sagte er.

In der Euro-Zone steht Deutschland mittlerweile als Schlusslicht beim Wirtschaftswachstum da. Utermöhl prognostiziert für das laufende Jahr für die Bundesrepublik nur noch eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 2,7 Prozent. Im Euro-Währungsraum wird das Wachstum auf rund fünf Prozent geschätzt.

Hintergrund ist den Angaben zufolge die vor allem wegen der Coronakrise rückläufige Konsumlaune der Verbraucher. Die strukturellen Probleme der Industrie seien lange Zeit durch einen Boom beim privaten Konsum – unter anderem wegen Aufholeffekten nach den Lockdowns – kompensiert worden. »Wir erleben, dass auch im Dienstleistungsbereich sich der Konsum wieder eintrübt«, sagte Veronika Grimm, Mitglied im Sachverständigenrat der sogenannten Wirtschaftsweisen der Bundesregierung. Sie betonte jedoch: »Die Auswirkung auf die Konjunktur wird beschränkt bleiben.« Bei den hauptsächlich betroffenen Wirtschaftsbereichen wie Kultur, Touristik und Gastronomie handele es sich um Branchen, die nur wenig Anteil an der sogenannten Bruttowertschöpfung hätten. Dennoch bekennt auch die Chefvolkswirtin der staatlichen Bankengruppe KfW, Fritzi Köhler-Geib, dass die Zeichen nicht nach oben deuten. »Angesichts dieser Rückschläge haben alle Konjunkturanalysten ihre Prognosen für das laufende Jahr deutlich nach unten revidiert«, sagte sie.

Mit einer Konsumflaute, den anhaltenden Lieferengpässen in der Industrie und den weiterhin hohen Energiekosten stehe die deutsche Wirtschaft »an allen Fronten unter Druck«, sagte Utermöhl. »Im großen und ganzen rechnen wir aber damit, dass die Wachstumseinbußen geringer ausfallen als in vorherigen Wellen. Mit einem Konjunkturabsturz rechnen wir daher nicht.« Auch Grimm betonte, solange die Geimpften am öffentlichen Leben teilnehmen könnten, werde die Konsumbremse nicht allzu stark ausfallen.

Allerdings: Auf dem Arbeitsmarkt könnte es Probleme geben. Zwar hätten die Unternehmen inzwischen gelernt, mit dem Instrument der Kurzarbeit umzugehen, wie Schattenberg erklärte. »Wir rechnen aber auch wieder mit deutlich mehr Kurzarbeit«, sagte Allianz-Expertin Utermöhl. Vor allem dann, wenn es zu einem weiteren Lockdown etwa in Teilbereichen des Handels oder der Gastronomie kommen sollte. Die staatlichen Coronahilfen sollten nach ihrer Auffassung bis ins Frühjahr verlängert werden.

Auch der geschäftsführende Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) erwartet in der vierten Coronawelle wieder einen Anstieg der Kurzarbeit und Mehrbelastungen für den Staatshaushalt. »Aufgrund von Lieferkettenstörungen in der Industrie und Umsatzeinbrüchen aufgrund regionaler Lockdowns rechnen wir mit einer leichten Zunahme der Kurzarbeit in diesem Winter und Zusatzkosten von 400 Millionen Euro«, sagte Heil der Bild am Sonntag.

KfW-Chefvolkswirtin Köhler-Geib wies darauf hin, dass die Unsicherheiten der Pandemie auf dem Arbeitsmarkt auf einen eklatanten Mangel an Fachkräften treffen. »In der Industrie sahen sich seit der Wiedervereinigung noch nie so viele Unternehmen durch Fachkräftemangel beeinträchtigt wie derzeit. Daran wird deutlich, dass der Fachkräftemangel sich zu einem Problem auswächst, um das sich Wirtschaft und Politik dringend stärker kümmern müssen«, betonte sie. (dpa/jW)

Zeitung für Internationale Solidarität

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die zeit ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern tun.

Um dieses Jubiläum entsprechend zu würdigen, hat die junge Welt die 75er-Aktion gestartet. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (29. November 2021 um 11:08 Uhr)
    Es stimmt: »Mit einer Konsumflaute, den anhaltenden Lieferengpässen in der Industrie und den weiterhin hohen Energiekosten stehe die deutsche Wirtschaft an allen Fronten unter Druck«. Unberücksichtigt blieben im Artikel die Auswirkungen der hohen Inflation. Sie verteuert die Verkaufspreise und reduziert gleichzeitig die Kaufkraft. Sie wirkt sich auf den schon angeschlagenen deutschen Binnenmarkt zusätzlich negativ aus.