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Aus: Ausgabe vom 15.10.2021, Seite 1 / Titel
Hunger-Index

Jeder zehnte Mensch hungert

Welthungerhilfe berichtet von deutlicher Zunahme an Menschen, die nicht genug zu essen haben. Ursachen sind Krieg und Klimawandel
Von Ina Sembdner
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Alle könnten satt werden. Aber von rund acht Milliarden Menschen müssen 811 Millionen hungern

Multiple Krisen sind für den Hunger in der Welt verantwortlich, heißt es immer nebulös. Nach wie vor sind davon Hunderte Millionen Menschen betroffen, während der Reichtum einiger Weniger exorbitante Summen übersteigt und Freizeitfahrten in den Weltraum, wie am Mittwoch erst wieder vom US-Milliardär Jeffrey Bezos durchgeführt, ermöglicht. Genau 811 Millionen Menschen hungerten Ende vergangenen Jahres, 2019 waren es noch 690 Millionen. Präsentiert hat diese Zahlen am Donnerstag die Welthungerhilfe in ihrem jährlichen Index. Konstatiert werden »Rückschritte« in der Bekämpfung von Hunger »wegen Konflikten und den Folgen des Klimawandels« – Ursachen, die nicht nur »menschengemacht«, sondern natürliche Folgen eines auf Krieg und Ausbeutung sowohl menschlicher wie auch natürlicher Ressourcen basierenden kapitalistischen Systems sind.

Und so lassen sich die am stärksten betroffenen Länder auch in diese beiden Kategorien einteilen: Jemen, das unter Führung Saudi-Arabiens und Duldung der »internationalen Gemeinschaft« in Schutt und Asche gebombt wird; die Zentralafrikanische Republik und der Tschad, wo sich Konflikte um die wenigen vorhandenen und dank des von reichen Ländern verursachten zunehmenden Mangels an Ressourcen zuspitzen, Vertreibung an der Tagesordnung ist und sich die jeweils Herrschenden unter Frankreichs Ägide bereichern; oder die Demokratische Republik Kongo, die seit Jahrzehnten die Rohstoffe für Technologisierung und Digitalisierung der Welt wie Kobalt und Coltan liefert, aber angesichts der vom »Markt« geregelten Dumpingpreise nichts davon hat außer Krieg und ausgebeuteter Arbeitskraft.

In Somalia, das gleichzeitig von Dürre und dramatischen Über­schwemmungen getroffen ist und wo es nach Jahren des Krieges 2,6 Millionen Vertriebene im eigenen Land gibt, stiegen die Preise für Grundnahrungsmittel wie Milch und Gemüse seit dem vergangenen Jahr nach UN-Angaben um 20 bis 50 Prozent an. Madagaskar, diese in unserer Wahrnehmung tropisch-grüne Inselrepublik im Indischen Ozean, erreicht im sogenannten Welthungerindex mit dem Wert 36,3 den »sehr ernsten Bereich« – obwohl es in dem Land keinen gewaltsamen Konflikt gibt, der Klimawandel aber um so verheerendere Auswirkungen hat und es in diesem Jahr so gut wie keine Ernte gibt.

Lediglich 14 Länder konnten den Angaben zufolge seit 2012 deutliche Verbesserungen erreichen. Darunter Bangladesch, wo dies laut dem Bericht »durch konsequentes und engagiertes Handeln der Regierung« untermauert werde. Heraus ragt auch die Volksrepublik China, die mittlerweile im Ranking der insgesamt 116 in den Index mit aufgenommenen Länder konstant auf Platz fünf liegt, vor Estland und Kroatien. Trotz US-Blockade und dadurch schwerer wirtschaftlicher Einbußen hält sich Kuba seit Jahren konstant gleich dahinter. Im von Washington mit Sanktionen geknebelten Venezuela ist die Lage dagegen »ernst«, nachdem die Ernährungssicherheit unter Hugo Chávez deutlich verbessert worden war.

Die Schlussfolgerung der Welthungerhilfe angesichts dessen, »dass wir nicht auf Kurs sind, Zero Hunger bis 2030 zu erreichen«, wie 2016 von der UNO als Ziel formuliert, lautet: »Hunger und Unterernährung bestehen nicht, weil es keine Lösungen gibt, sondern weil der politische Wille und die Mittel fehlen, die vorhandenen Lösungen umzusetzen und das Recht auf Nahrung zu respektieren, zu schützen und zu erfüllen.« Aufrüstung und Krieg sind eben lukrativer.

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  • Leserbrief von Heinrich Frei (18. Oktober 2021 um 12:21 Uhr)
    Mit einem Bruchteil der weltweiten Militärausgaben könnte die Armut beseitigt werden. 811 Millionen Menschen auf dieser Erde hungern. 41 Millionen stehen am Rande einer Hungersnot. Positiv erwähnt werden muss, dass es heute dem World Food Programm und Hilfswerken oft gelingt, die größte Not zu lindern. Doch die Not ist vielerorts zu groß: In Somalia werden von Oktober bis Dezember 2021 3,5 Millionen Menschen humanitäre Hilfe benötigen. Somalia hat etwa 14,4 Mio. Einwohner. Etwa 1,2 Millionen Kinder unter fünf Jahren sind in Somalia akut unterernährt und benötigen Hilfe. Dürren, Überschwemmungen, die Heuschreckenplage und der Bürgerkrieg der seit 30 Jahren im Gange ist, sind die Hauptgründe für die Hungerkrise in Somalia. Unsere Organisation »Swisso Kalmo« ist seit über dreißig Jahren in diesem Land tätig. www.swisso-kalmo.ch.
    7,40 Milliarden US-Dollar betrug das Budget des World Food Programm im Jahr 2021, aber 12,3 Milliarden US-Dollar würden eigentlich benötigt. Das ist sehr viel Geld. Aber wenn man diese Summe mit den weltweiten Rüstungsausgaben vergleicht, sind 12,3 Milliarden US-Dollar sehr wenig: 1.981 Milliarden US-Dollar – soviel Geld investierten Länder weltweit im vergangenen Jahr in ihre Armeen. Das sind 161mal mehr als das Welternährungsprogramm benötigen würde, um die größte Not auf unserer Erde zu lindern. Mit einem Bruchteil der weltweiten Militärausgaben wäre es möglich, allen Menschen genügend Nahrung, sauberes Trinkwasser zu verschaffen, sie medizinisch zu betreuen und es allen Kindern zu ermöglichen, eine Schule zu besuchen.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz S. (15. Oktober 2021 um 08:24 Uhr)
    Die Welthungerhilfe ist laut Selbstdarstellung politisch unabhängig, die deutsche Welthungerhilfe wird aber von der Bundesregierung finanziert. Nach diesem »Welthungerindex« scheint es Hunger nur in den sogenannten Entwicklungsländern, in sozialistischen Ländern sowie in Nicht-NATO-Lländern (z. B. Russland) zu geben. In den NATO-Mitgliedstaaten ist Hunger unbekannt. Die deutsche Welthungerhilfe wurde übrigens auf Initiative von Heinrich Lübke (Architekt von KZ-Baracken) gegründet.

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