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Aus: Ausgabe vom 17.09.2021, Seite 11 / Feuilleton
Klassik

Geblendet vom Licht

Nachtrag zum Streit um den Salzburger »Don Giovanni«
Von Stefan Siegert
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Boing! Jan Brachmann bei der Currentzis-Kritik (»Don Giovanni« in Salzburg)

Einer der Höhepunkte der im August zu Ende gegangenen Salzburger Festspiele war einmal mehr Mozarts Oper aller Opern, der »Don Giovanni«. Das wäre in der Stadt, die Mozart mehr als irgendeine gehasst hat, nicht weiter erstaunlich gewesen, die Welt hätte es wohlwollend zur Kenntnis nehmen können, in Salzburg findet bekanntlich seit mehr als einem Jahrhundert jeden Sommer für zwei Monate große Bühnenkunst statt, Mozart nicht selten darunter – aber den »Don Giovanni« 2021 inszenierte der italienische Regisseur Romeo Castellucci, für die Musik ist Teodor Currentzis verantwortlich. Es gab ergo Wirbel.

Die Reaktion des getesteten und geimpften Publikums war enthusiastisch, ein Riesenerfolg. Das muss nicht unbedingt etwas heißen bei Leuten, die in der Lage sind, 400 Euro für einen Mozart-Abend hinzublättern. Wer aller­dings das Ereignis bei Arte in der ­Mediathek nachverfolgt, gibt ihnen, wie ein Großteil der Kritik, einfach recht.

Dafür, dass nun aber auch das Publikum nicht mehr zählen soll, sorgte in seinem Premierenbericht einer der Altmeister des Musikjournalismus, der in Sachen Gesang unbestreitbare Fachmann Jürgen Kesting (FAZ, 28.7.2021). Ihn kostete es den halben Nachtschlaf; eine seltsame Mischung aus Trauer und Zorn beunruhigte ihn, das Gefühl, womöglich außen vor zu sein. Da war doch tatsächlich einmal mehr Mozart – zur Begeisterung auch noch nicht weniger Menschen – nicht im entferntesten so aufgeführt worden, wie es Leute seines Jahrgangs seit langem für richtig halten.

Richtig oder falsch, dem für klassische Musik im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zuständigen Redakteur kam Kestings Zustand zupass. Denn für Jan Brachmann gibt es kein roteres Tuch als Teodor Currentzis. Und wenn diesem letzteren, einem nach Kesting »von medialem Weltruhmesglanz verstrahlten Egomanen«, nachgesagt wird, er verachte in Wahrheit – in Kestings Wahrheit – sein Publikum, dann strahlt in Wahrheit Brachmann, er ist der Schmock der Zunft.

Kesting reagiert so aggressiv wie je einer, den das Unerwartete schockt. Er nennt die Produktion, noch ganz unverschwurbelt, einen »ästhetischen Terroranschlag«, eine »Orgie der Zerstörung«. Zerstört werden in Castellucci/Currentzis’ »Don Giovanni« aber nur die Parameter der »romantischen« Klassikinterpretation zweier Jahrhunderte. Deren viele Matadore waren nebenbei, allen voran der von Kesting zustimmend zitierte Richard Wagner, Gigastars der Egomanie, das kann das Problem nicht sein. Aber schließlich nennt Kesting die große Zeit der Böhms und Karajans in einem nietzscheanischen Wortungetüm von nun tatsächlich gipfelnder Schwurbeligkeit »die Ära des Absolutismus aus dem Geist der human-demokratischen Nivellierung als Inkarnation von Macht«. Boing! Wie von Brachmann geklaut. Was immer das sein soll, Kesting will, dass es bleibt.

Anders als die von Kesting und Brachmann vermissten Klassikgrößen der Vergangenheit, würden Currentzis und Castellucci mit ihrer Kunst nie faschistischen Machthabern huldigen, das macht den Unterschied. Und fürs »Regietheater«, mit dem man solche Inszenierungen leicht verwechseln könnte, ist nach meinem Eindruck dieser bildmächtige, die Musik szenisch kontrapunktierende Salzburger »Don Giovanni« von 2021 an vielen Stellen zu stimmig. Was sich da auf der riesigen Bühne der Felsenreitschule vor Augen und Ohren tut, kommt Mozarts Musik in ihrer Klangfülle, ihrem erregenden, beunruhigenden Inhalt, in Farben, Bewegung und Semantik auf, zugegeben, ungewöhnliche Weise entgegen. Im Bühnenbild, extrem reduziert, fehlt nichts, es fordert und fördert die Phantasie ebenso wie es die poetischen, oft malerischen Metamorphosen des Bühnenlichts tun. Dass diese Produktion durchaus Inhalte hat, gibt dann angesichts Castelluccis Einfall, im zweiten Teil 150 Originalsalzburgerinnen als Schwestern, Mütter, Töchter und eben Leidensgenossinnen Elviras über die Bühne zu bewegen, schließlich auch Kesting zu, einer wie er hat selbst in dieser Verfassung noch Format.

Zentraler Stein des Anstoßes der »Romantiker«: wenn Currentzis samt Sänger und Orchester aus dem Graben hochfährt und im Strobelight-Gewitter das berühmte »Fin ch’han dal vino« hinfetzt. Mozart wäre damit so einverstanden gewesen, wie er mit den Feuer- und Wassermaschinen, den durch die Luft schwebenden drei Knaben und den vielen Tieren auf der Bühne der »Zauberflöte« absolut einverstanden war.

Ins Schwärmen – der Kenner lässt sich vom gekränkten Traditionalisten dann doch nichts vormachen – gerät Kesting anlässlich des US-Baritenors Michael Spyres als Ottavio; stimmlich nicht minder beeindruckend Nadeschda Pawlowas Donna Anna und alle anderen Singenden. Nur mit den zur Mozart-Zeit rundum üblichen Spontanverzierungen und Fiorituren, zu denen Currentzis die Sänger animiert, kommt Kesting nicht klar.

Vom Orchester redet er nicht. Es ist trotzdem großartig, was die ­Musikerinnen und Musiker des Music Aeterna Orchesters und Chors auch in dieser Produktion wieder, komprimiert leidenschaftlich und dynamisch hochkonzentriert, an Farben und Akzenten aufbieten.

Allein was die Seccorezitative an launigen Freiheiten bieten – einmal gar ein Fetzen aus der dem »Don Giovanni« gewidmeten Nummer 22 der Diabelli-Variationen –, macht Spaß. Die beiden im Graben vom Hammerflügel synchronisierten, von den Sängern auf der Bühne nur zum Schein gespielten Tasteninstrumente sind, nachdem sie wie vieles andere von oben auf die Bühne gefallen waren, kaputte Resttorsos. Alles in dieser Inszenierung deutet auf die Endzeit einer Macht, die nur noch Zerstörung, Missbrauch und schließlich Tod hervorbringt. Zur Mozart-Zeit die Macht der Feudalklasse. Sie hat ihren Nachfolger. Der »Don Giovanni« wird mit jedem Tag aktueller.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Kai K. aus Berlin (17. September 2021 um 00:38 Uhr)
    Nun ja: Karajan ist seit mehr als dreißig Jahren tot, Böhm (den man nicht unterschätzen sollte) vierzig Jahre. Wenn man Currentzis' Bemühungen einordnen möchte, wäre ein Vergleich mit dem sinnvoller, was im letzten halben Jahrhundert für eine verschlankte Mozart-Interpretation geleistet wurde, ob auf historischen Instrumenten oder nicht. Da dürfte ein Name wie Nikolaus Harnoncourt nicht fehlen. Damit würde auch das Neue, das Currentzis angeblich abliefert, erheblich relativiert. Politisch wäre noch anzumerken, dass Currentzis die Hauptrolle in Ilja Chrschanowskis zutiefst antikommunistischem »DAU«-Projekt übernahm. Das sagt noch nichts gegen Leistungen als Dirigent. Aber als Vorbild taugt er nicht.

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