Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Gegründet 1947 Donnerstag, 21. Oktober 2021, Nr. 245
Die junge Welt wird von 2589 GenossInnen herausgegeben
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder > Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Aus: Ausgabe vom 06.09.2021, Seite 1 / Titel
Afghanistan

Widerstand gegen Taliban

Afghanistan: Kämpfe im Pandschir-Tal. Generalstabschef der USA warnt vor Bürgerkrieg. Neue Machthaber wollen diplomatische Beziehungen zu BRD
Von Wiebke Diehl
1 Kopie.jpg
Frauen demonstrieren vor dem Präsidentenpalast in Kabul für Gleichberechtigung (3.9.2021)

Im Pandschir-Tal, der einzigen nicht von den Taliban kontrollierten afghanischen Provinz, ist es auch am Wochenende zu schweren Kämpfen gekommen. So sind Taliban-Kämpfer laut dpa zwar in den Bezirk Schutul vorgedrungen. Laut dem ehemaligen Parlamentsabgeordneten Sal Mohammed Salmai Noori sind die restlichen Gebiete des Tals aber unter vollständiger Kontrolle der »Nationalen Widerstandsfront«. Deren Sprecher schrieb am Sonntag auf Twitter, man habe den Islamisten schwere Verluste zugefügt und etwa 1.000 ihrer Kämpfer getötet oder gefangengenommen. Dagegen erklärte Taliban-Sprecher Bilal Karimi, man kontrolliere nun fünf der sieben Bezirke der Provinz. Keine der beiden Darstellungen wurde bislang von unabhängigen Quellen bestätigt.

Der »Nationalen Widerstandsfront« unter Führung von Ahmed Massud haben sich auch Vertreter der entmachteten Regierung des geflohenen Präsidenten Aschraf Ghani, darunter dessen Vizepräsident Amrullah Saleh, sowie ehemalige Soldaten der afghanischen Armee angeschlossen. Ahmed Massud ist der Sohn von Ahmed Schah Massud, der in den 1980er Jahren gegen die sowjetische Armee und die linke afghanische Regierung sowie in den 90ern gegen die Taliban kämpfte. Die Familie Massud gehört der Minderheit der Tadschiken an. Auch die anderen beiden großen Minderheiten des Landes, die Usbeken und die mehrheitlich schiitischen Hasara, könnten sich gegen die überwiegend paschtunischen Taliban erheben.

Im US-amerikanischen TV-Sender Fox News warnte am Sonnabend US-Generalstabschef Mark Miley vor einem »größeren Bürgerkrieg«, der ein »Wiederaufleben des Terrorismus« begünstigen könne. Unerwähnt ließ er dabei, dass sich unter der NATO-Besatzung bis zu 15.000 ausländische Islamisten in Afghanistan festsetzen konnten. Der IS-Khorasan ist in dieser Zeit erst entstanden. »Internationaler Terrorismus«, der von Afghanistan ausgehe, war einer der Vorwände für die Besetzung des Landes 2001.

Seit 20 Jahren hat sich die Situation von Mädchen und Frauen, von der damals auch die Rede war, nicht flächendeckend verbessert. Zweckgebundene Gelder verschwanden größtenteils in den Taschen korrupter Politiker. Viele Frauen fürchten dennoch eine Verschlechterung ihrer Situation unter den Taliban. Am Sonnabend kam es in der Hauptstadt Kabul zu Protesten. Einsatzkräfte der Taliban gingen gewaltsam gegen die Demonstrantinnen vor, mindestens eine Teilnehmerin wurde verletzt.

In der Welt am Sonntag legte derweil Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid dar, dass man sich »starke und offizielle diplomatische Beziehungen zu Deutschland«, finanzielle Unterstützung, humanitäre Hilfe und Kooperation in den Bereichen Gesundheit, Landwirtschaft und Bildung wünsche. Bereits am Freitag hatten sich die Außenminister der EU-Mitgliedstaaten darauf verständigt, mit einer – allerdings noch nicht gebildeten – Taliban-Regierung zu kooperieren, sofern diese gegen den Terrorismus vorgehe, »grundlegende« Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und Pressefreiheit achte, schutzbedürftigen Menschen die Ausreise ermögliche und möglichst viele Bevölkerungsteile repräsentiere.

Am Wochenende appellierten die Vereinten Nationen an die Taliban, humanitären Helfern uneingeschränkten Zugang zu gewähren. Mehr als die Hälfte der 38 Millionen Einwohner Afghanistans ist auf internationale Hilfen angewiesen. Für den 13. September hat UN-Generalsekretär António Guterres zu einer Hilfskonferenz in Genf geladen.

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung. Jetzt an deinem Kiosk!

Die Tageszeitung junge Welt beschreibt in ihrer Berichterstattung die Ausbeutungs- und Machtverhältnisse klar und deutlich. Für alle, die sie verstehen wollen, lohnt sich der Gang zum Kiosk und ein Blick in die  junge Welt!

Ähnliche:

  • Nach jahrzehntelangem Krieg herrscht Elend am Hindukusch: Klinik...
    04.09.2021

    Jetzt raus aus Mali!

    EU strebt nach Niederlage in Afghanistan verstärkte Militarisierung an. Humanitäre Katastrophe droht. Bundeswehr-Einsatz im Sahel steht zur Debatte
  • Inhaftierte Taliban warten am 9. April auf ihre Entlassung aus d...
    05.09.2020

    Gespräche könnten beginnen

    Gefangenenaustausch zwischen afghanischer Regierung und Taliban fast abgeschlossen. UN-Diplomatin fordert schnelle Waffenruhe
  • Nach einer Bombenexplosion wird ein Verletzter im afghanischen D...
    22.02.2017

    Sicher in den Tod

    Bundesinnenminister bestätigt Risiken für afghanische Zivilisten – und will ­trotzdem weiter abschieben. Lage im Land wird schöngeredet

Regio: