3 Monate junge Welt für 62 €
Gegründet 1947 Freitag, 24. September 2021, Nr. 222
Die junge Welt wird von 2582 GenossInnen herausgegeben
3 Monate junge Welt für 62 € 3 Monate junge Welt für 62 €
3 Monate junge Welt für 62 €
Aus: Ausgabe vom 02.08.2021, Seite 2 / Inland
Drohende Klinikprivatisierung

»Es macht einen gewaltigen Unterschied«

Erzbistum Hamburg will Krankenhaus verkaufen. Konzerne würden Klinik ausschlachten. Forderung nach freiem Träger. Ein Gespräch mit Manuel Humburg
Interview: Kristian Stemmler
imago0090778801h.jpg
Wasserturm Groß Sand im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg am gleichnamigen Krankenhaus der katholischen Bonifatius-Gemeinde

Der Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg kämpft gegen eine Privatisierung des katholischen Krankenhauses Groß-Sand, in dem Sie Ihre klinische Grundausbildung absolviert haben. Warum soll es verkauft werden?

Seit Monaten versucht das Erzbistum Hamburg, das die Verhandlungen für den tatsächlichen Träger – die Wilhelmsburger Gemeinde St. Bonifatius – führt, das Krankenhaus zu verkaufen. Groß-Sand ist eine Klinik der Grund-und Regelversorgung mit einer großen Notfallambulanz. Sie hat rund 450 Mitarbeiter und verfügt über rund 200 Betten. Sie ist stark defizitär, unter anderem wegen hoher Pensionslasten. Zuerst wurde versucht, das Haus im Gesamtpaket mit der dem Erzbistum gehörenden Ansgar-Gruppe zu verkaufen. Dazu gehören das Marienkrankenhaus und das Kinderkrankenhaus Wilhelmstift, beide in Hamburg, und das Marienkrankenhaus Lübeck.

Das hat nicht geklappt. Seitdem soll Groß-Sand einzeln verkauft werden, wobei die Verantwortlichen deutlich gemacht haben, dass sie das Haus schnell und günstig loswerden wollen, weil es wegen laufender Subventionierungen für das Erzbistum Hamburg ein Klotz am Bein ist. Zeitweise war als Bieter auch Asklepios im Spiel – inzwischen zum Glück nicht mehr.

Was spricht gegen eine Übernahme durch ein privates Unternehmen?

Von Asklepios und Co. ist zu befürchten, dass sie Groß-Sand im Interesse ihrer Konzernstrategie ausschlachten. Dass sie die lukrativen Bereiche des Krankenhauses akzentuieren und die weniger lukrativen, die aber wichtig sind für die Regelversorgung, schließen oder als medizinisches Versorgungszentrum outsourcen – mit entsprechenden Folgen für die Mitarbeiter. Die lukrativen Bereiche sind beim Krankenhaus Groß-Sand die Rehaabteilung und vor allem die neurologische Frührehabilitation.

Derzeit ist Groß-Sand ein Krankenhaus mit Vollversorgung, das ein Einzugsgebiet von rund 80.000 Menschen im Süderelberaum Hamburgs hat. Warum ist es so wichtig?

Es gibt in Hamburg südlich der Elbe nur drei Krankenhäuser mit Chirurgie und Notfallaufnahme, eines davon ist Groß-Sand. Nördlich der Elbe gibt es Dutzende. Dann ist Wilhelmsburg einer der Stadtteile in Hamburg, die sich am stärksten vergrößern, in den vergangenen 15 Jahren ist er um 10.000 auf 55.000 Einwohner gewachsen. Über Wohnungsneubau kommen weitere 15.000 dazu. In den hafennahen Gebieten sind viele Betriebe angesiedelt, die Elbinsel ist ein bedeutender Logistik- und Industriestandort. Daher ist es kein Zufall, dass sich ganz viele der Belegschaften und Betriebsräte dort mit der Forderung solidarisiert haben, Groß-Sand als Notfallkrankenhaus zu erhalten. Ein Argument dabei: Bei Notfalleinsätzen in den Betrieben würden sich die Wege für die Rettungswagen sonst extrem verlängern, wenn sie etwa das AK St. Georg oder AK Harburg anfahren müssten.

Inzwischen gibt es Grund zum Optimismus. Das Erzbistum will die Pensionslasten übernehmen.

Ja, und wir begrüßen das, denn damit ist die Chance, dass ein freigemeinnütziger Träger das Krankenhaus übernimmt, wieder größer geworden. Es macht für uns einen gewaltigen Unterschied, ob das Haus von einem Konzern betrieben wird, der die Profite an Aktionäre abführt, oder von einem Träger, der die Erlöse reinvestiert.

Die Fraktion Die Linke in der Bürgerschaft hatte eine Übernahme durch das städtische Universitätsklinikum Eppendorf, UKE, ins Spiel gebracht.

Diese Lösung genießt auch in der Belegschaft große Sympathie. Vor einigen Jahren ist die Kinderklinik Altona unter das Dach des UKE gekommen. So könnte das hier auch gehen. Der Senat hat sich mit dieser Lösung bisher nicht anfreunden können.

Sind Sie optimistisch, was die Zukunft von Groß-Sand angeht?

Mit der Übernahme der kompletten Pensionslasten hat das Erzbistum den Weg auch für gemeinnützige Träger geöffnet. Damit entfällt auch für die Stadt das Hauptargument gegen eine städtische Übernahme durch das UKE. Außerdem gibt es enormen Druck im Stadtteil, das Haus mit allen Angeboten zu erhalten. Es gab 10.000 Unterschriften und mehrere Kundgebungen. Der Konsens im Stadtteil ist sehr eindeutig und schließt auch alle Parteien auf lokaler Ebene mit ein. Ein Happyend für Groß-Sand ist möglich.

Manuel Humburg ist Hausarzt in Hamburg-Wilhelmsburg und aktiv in der Initiative »Aktion Krankenhaus Groß-Sand bleibt!«

Aktionsabo »Marx für alle« für drei Monate

Die Bundesregierung und der deutsche Inlandsgeheimdienst wollen der Tageszeitung junge Welt den »Nährboden entziehen« unter anderem wegen ihrer marxistischen Weltanschauung. Mit unserem Aktionsabo  »Marx für alle« möchten wir möglichst vielen Menschen diese wissenschaftliche Sichtweise nahebringen und 1.000 Abos für die Pressefreiheit sammeln.

Das Abo kostet 62 Euro statt 126,80 Euro und endet nach drei Monaten automatisch.

Zur neuen Leserbrieffunktion auf jungewelt.de

  • Leserbrief von Rasmus Ph. Helt aus Hamburg ( 3. August 2021 um 12:40 Uhr)
    Die Analyse der Zukunft des Krankenhauses Groß-Sand spannt einen zu kurzen Bogen. Schließlich besteht eine entscheidende Achillesferse darin, dass vor allem die SPD unter Gesundheitssenatorin Melanie Leonhard ein fast schon demonstratives Desinteresse an der weiteren gesundheitlichen Versorgung in einem ärmeren Stadtteil wie Wilhelmsburg zeigt, was zwischenzeitlich sogar in dem Affront geendet ist, nicht einmal eine Unterschriftensammlung wegen der angeblichen eigenen Nichtzuständigkeit zum Erhalt des Standortes annehmen zu wollen. Deshalb bleiben hier insbesondere auf einer politischen Ebene noch sehr dicke Bretter für eine gemeinwohldienliche Lösung zu bohren, zumal der Süden von Hamburg leider seit jeher her aus einer historischen Perspektive keine große Bedeutung beim Senat genießt, wobei zumindest Peter Tschentscher mit seinem Besuch vor kurzem auf der Veddel als einer der ersten Bürgermeister überhaupt eine kleine positive Kehrtwende vollzogen hat, während hingegen der grüne Koalitionspartner lieber diesen Kiez als Anschauungsunterricht für eine funktionierende multikulturelle Gesellschaft nach wie vor konsequent meidet!

Ähnliche:

  • Immer am Limit, immer mies entlohnt: Protest von Pflegekräften (...
    20.02.2021

    Fachkräfte ohne Wert

    Münchner Verwaltungsgericht weist Klagen auf Auszahlung des Coronapflegebonus ab. Erfolg im Kampf gegen Kündigung von Hamburger Krankenschwester
  • Die Beschäftigten wollen nicht mehr über die Missstände schweige...
    26.01.2021

    »Wir sind alle Romana«

    Asklepios entlässt Krankenschwester. Bundesweite Solidaritätsaktionen beginnen

Regio:

Mehr aus: Inland

Nur noch bis 26. September: 3 Monate Tageszeitung junge Welt lesen für 62 €. Jetzt bestellen!