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Aus: Ausgabe vom 29.07.2021, Seite 16 / Sport
Leichtathletik

Zuviel Testosteron

Am Freitag beginnen die olympischen Leichtathletikwettbewerbe. Eine wird fehlen: die Südafrikanerin Caster Semenya
Von Gabriel Kuhn
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In Südafrika Volksheldin: Caster Semenya

Wer hätte sich vor 30 Jahren gedacht, dass man eines Tages einen Olympiatag damit verbringen kann, Mountainbiking, Triathlon und Siebener-Rugby zu sehen? Doch Traditionalisten müssen nicht verzagen. Mit der zweiten Woche der Spiele kommt die Leichtathletik. Hammerwurf statt BMX-Freestyle, Stabhochsprung statt Skateboard-Park. Hier kennt man sich aus.

Am Freitag werden bei den Leichtathletikwettbewerben die ersten Medaillen vergeben. Die ganz großen Stars fehlen dieses Mal. Darunter die zweifache Olympiasiegerin und dreifache Weltmeisterin über 800 Meter, die Südafrikanerin Caster Semenya. Rücktritt? Verletzung? Corona? Nein. Semenyas Körper produziert zuviel Testosteron. Blicken wir kurz zurück …

Schon bald, nachdem Semenya als völlig unbekannte 18jährige den 800-Meter-Lauf bei den Leichtathletikweltmeisterschaften 2009 in Berlin gewonnen hatte, wurde ihre Identität als Frau in Frage gestellt. Was anfangs nur als blödes Geschwätz des Boulevards daherkam (»diese Muskeln!«), wurde bald von höchster Stelle legitimiert. Der Weltleichtathletikverband zitierte Semenya allen Ernstes zum Geschlechtstest. Semenya bestand und durfte weiterhin als Frau antreten. Allerdings wurde bei den Untersuchungen ein außergewöhnlich hoher Testosteronwert festgestellt. Semenya wurde gezwungen, diesen medizinisch zu senken – ungeachtet der Tatsache, dass der Weltleichtathletikverband in seinen Antidopingkampagnen ständig vor den gesundheitlichen Risiken von Hormonbehandlungen warnt.

2015 hob der Internationale Sportgerichtshof in Lausanne die Regelung auf. Ein Zusammenhang zwischen Testosteron und sportlicher Leistungsfähigkeit sei nicht erwiesen. Doch der Weltleichtathletikverband gab sich nicht geschlagen. 2018 forderte er die Senkung der Testosteronwerte spezifisch für Läuferinnen der Mittelstrecken (400, 800 und 1.500 Meter). Auf diesen, so die Behauptung, würden die höheren Testosteronwerte tatsächlich Vorteile bringen.

Dieses Mal segnete der Internationale Sportgerichtshof die Regelung ab. Semenya weigerte sich jedoch, ihre Testosteronwerte erneut zu senken. Ein Einspruch beim Schweizer Bundesgericht wurde zurückgewiesen. ­Semenya ­wandte sich an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strasbourg. Der kam vor Tokio zu keiner Entscheidung. Semenya ist damit de facto von den Spielen ausgeschlossen.

In Südafrika ist Semenya Volksheldin. Ihre Geburtsurkunde weist sie als Frau aus, für ihre Familie sind die Spekulationen um ihre Geschlechtsidentität unbegreiflich. Der südafrikanische Leichtathletikverband meinte 2019: »In Südafrika weiß man, was Diskriminierung heißt. Dieses Urteil öffnet die Wunden der Apartheid. Es entschuldigt Diskriminierung nicht nur, es legitimiert sie auch noch.«

Andere sahen das nicht so. Es gab Konkurrentinnen, die bei Fernsehinterviews in Tränen ausbrachen, sobald Semenyas Name fiel, weil sie so sehr unter der Ungerechtigkeit zu leiden hatten, gegen sie antreten zu müssen. Wohlgemerkt handelte es sich in der Regel um Athletinnen aus reichen Industrieländern, die ihre sozioökonomischen Vorteile offenbar nicht als Ungerechtigkeit, sondern als Geburtsrecht empfinden. Die Britin Paula Radcliffe, von 2002 bis 2019 Weltrekordhalterin im Marathon, erklärte, dass »der Frauensport beschützt« werden müsse. Fragt sich nur, vor wem? Patriarchalen Sportverbänden, sexistischen Medien, diskriminierendem Sponsoring? Oder Frauen mit »intersexuellen Anlagen«, wie die Presse in bezug auf Semenya gerne formuliert?

Die Frage der Geschlechtsidentität im Sport mag komplizierte Probleme aufwerfen. Doch man kann es drehen und wenden, wie man will: Wenn Sportler von Wettkämpfen ausgeschlossen werden, weil sie sich keiner medizinischen Zwangsbehandlung unterwerfen wollen, läuft etwas falsch. Es widerspricht der Würde des Menschen – und nicht zuletzt der Olympischen Charta, die jedem Menschen »die Möglichkeit zur Ausübung von Sport ohne Diskriminierung jeglicher Art« verspricht. Die Behandlung Caster Semenyas ist ein Schandfleck für die Geschichte der Leichtathletik und der Olympischen Spiele.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in daniel h. (29. Juli 2021 um 20:47 Uhr)
    Guter Artikel! Der Ausschluss von Caster Semenya ist ein Skandal! Diese widerliche Regel trifft noch weitere Sportler*innen, auch Christine Mboma und Beatrice Masilingi aus Namibia sind vom 400-Meter-Rennen der Frauen bei Olympia in Tokio ausgeschlossen sie dürfen nur über 200 Meter antreten. Ende Juni hatte Christine Mboma bei einem Leichtathletikmeeting im polnischen Bydgoszcz mit 48,54 Sekunden eine neue Weltjahresbestleistung über 400 Meter aufgestellt. Ihre Landsfrau und Trainingspartnerin Beatrice Masilingi brauchte für die Distanz 49,53 Sekunden und zählte deshalb ebenfalls zu den Medaillenanwärterinnen bei den Olympischen Spielen in Tokio. Ich würde mir in der jungen Welt auch einen so guten Artikel über den Ausschluss des mit einer Prothese springenden Weitspringers Markus Rehm wünschen.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralf S. aus Gießen (28. Juli 2021 um 19:35 Uhr)
    Dem ist nichts hinzuzufügen.

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