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Aus: Ausgabe vom 29.07.2021, Seite 15 / Medien
Desinformation

Eine lange Tradition

Berichterstattung über Kuba von Desinformation geprägt. »Tagesschau« und Taz überprüfen Anschuldigungen nicht auf ihren Wahrheitsgehalt
Von Volker Hermsdorf
Tagesschau vom 13.07.2021
Eine Bühne für die Contras: Die ARD-»Tagesschau«

Viele westliche Medien verbreiten noch immer, dass die teils gewalttätigen Proteste am 11. Juli in Kuba »friedliche Demonstrationen« waren, deren Teilnehmer zu Tausenden von einem »brutalen Regime« willkürlich inhaftiert wurden, und Hunderte »verschwunden« seien. Videos über Gewalttaten, Plünderungen und Angriffe auf Krankenstationen werden ebenso ignoriert wie Hinweise auf gefälschte Listen von angeblich »Verschwundenen«. Quelle für derartige Anschuldigungen sind meist von Washington und prowestlichen Stiftungen finanzierte »unabhängige« Journalisten.

Zu jenen gehört Mónica Baró, die von der Taz am 13. Juli mit der Aussage zitiert wurde, sie sei »schockiert« über Videos, die den Eindruck erweckten, »dass kubanische Polizei und Spezialeinheiten gezielt auf Protestierende schossen«. Zwei Ärzte hätten dies in einem Video bestätigt, das Baró auf Facebook geteilt habe, berichtete die Zeitung. Darüber, dass sie Autorin des – nach eigenen Angaben – vom US-Thinktank National Endowment of Democracy (NED) und der »Open Society Foundations« (OSF) des US-Milliardärs George Soros finanzierten Contra-Blogs »El Estornudo« ist, werden die Leser nicht informiert.

Als weitere Kronzeugen für Greueltaten des »Regimes« werden – ebenfalls aus den USA bezahlte – Systemgegner, zum Beispiel Aktivisten der konterrevolutionären San-Isidro-Gruppierung und die Bloggerin Yoani Sánchez, präsentiert, deren enge Verbindungen zu US-Geheimdiensten Wikileaks belegt hat. Nach dem Tod eines Vorbestraften, der beim Angriff auf eine Polizeistation ums Leben kam, veröffentlichte die Taz am 15. Juli die von Sánchez verbreitete Aussage, es habe »viel mehr Tote« gegeben und »schon über 5.000 Menschen« seien festgenommen worden. Außerdem zwinge die Regierung »junge Männer durch Erpressung dazu, Demonstranten mit Stöcken anzugreifen«. Nicht eine der Anschuldigungen überprüfte die Zeitung auf Wahrheitsgehalt oder Plausibilität. Das hat bei dem Blatt eine lange Tradition.

Berichte über Kuba wecken Erinnerungen an die propagandistische Vorbereitung des NATO-Krieges gegen Jugoslawien. Am 5. August 1998 hatte die Taz als erste deutsche Zeitung einen Horrorartikel über angebliche Massengräber verbreitet und »exklusiv« gemeldet, Serben hätten im Ort Orahovac ein Massaker angerichtet und dabei 567 Menschen, darunter 430 Kinder, ermordet. Wie sich herausstellte, stimmte diese Nachricht nicht, erzielte aber trotzdem die gewünschte Wirkung. Am 24. März 1999 begann die NATO ihre Luftangriffe auf Jugoslawien. Begründet wurden die Bombardements auch mit dem von der Taz frei erfundenen Greuelmärchen. Zehn Jahre später durfte der – dafür vom österreichischen Presserat gerügte – Autor der Orahovac-Lüge den Krieg in einem Artikel derselben Zeitung verteidigen, der die Überschrift trug: »Es musste sein«. So sehen die Büchsenspanner Washingtons anscheinend auch ihre Rolle gegenüber Kuba, auch wenn die Eskalationsstufe hier nicht vergleichbar ist.

Mehr Gewicht als die den Grünen nahestehende Zeitung hat das sich seriös gebende ARD-Flaggschiff »Tagesschau«. Am 14. Juli zitierte ­tagesschau.de im Stil der Orahovac-Lüge die kubanische Youtuberin Dina Stars mit dem Aufschrei: »Die Leute in Kuba sterben – entweder verhungern sie oder sie werden krank (…), oder sie werden in einer Demonstration umgebracht.«

Das Nachrichtenportal bemühte als weitere Zeugen ebenfalls »San-Isidro-Künstler« oder das von der rechten »Bacardi-Stiftung« geförderte Onlineprojekt »14ymedio« der Bloggerin Yoani Sánchez, die auch bei der Deutschen Welle und dem spanischen Medienkonzern »Prisa« auf der Gehaltsliste steht. Eine »unabhängige Journalistin« Namens Cynthia de la Cantera Toranzo, die für den Contra-Blog »Tremenda Nota« und das in Florida herausgegebene Onlineportal »ADN Cuba« tätig ist, durfte über tagesschau.de am 16. Juli verbreiten, dass »mehr als 200 Menschen« vermisst« würden. Wie der US-amerikanische Journalist Tracey Eaton am 12. Oktober vergangenen Jahres in seinem Blog »Cuba Money Projekt« berichtet hatte, wurde »ADN Cuba« im Jahr 2020 durch die dem US-Außenministerium unterstehende Agentur für Internationale Entwicklung (USAID) mit 410.710 US-Dollar gefördert. Das wird Lesern und Zuschauern von der »Tagesschau« jedoch ebenso vorenthalten wie eine Meldung der Tageszeitung ND vom darauffolgenden Tag, derzufolge ein Vertreter des Goethe-Instituts in Havanna, eine von der US-Zeitung Miami Herald veröffentlichte Liste abtelefonierte und »mehrere der angeblich Verschwundenen in ihren Büros oder Wohnungen« erreichte.

Auch die Demonstrationen von mehr als 100.000 Kubanerinnen und Kubanern, die am 17. Juli in mehreren Städten des Landes für die Unabhängigkeit ihres Landes und gegen »die Lügenkampagnen« westlicher Medien demonstrierten, verschwieg das Aushängeschild der ARD komplett. Ein Faktencheck findet – wenn es um Kuba geht – nicht statt.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Josie M. aus 38448 Wolfsburg (29. Juli 2021 um 12:07 Uhr)
    Danke, Volker Hermsdorf, für diesen »Faktencheck« und auch für die Erinnerung daran, wie schließlich Ende der 90er der Jugoslawien-Krieg mit einer Lüge gerechtfertigt wurde, auch wenn bis jetzt eine solche »Eskalationsstufe« als Folge der von Washington unterstützten Verschwörungstheorien, Gott sei Dank, noch nicht erreicht wurde. Und ich denke, man sollte diesen Faktencheck bei der ARD immer wieder anmahnen. Übrigens fällt mir noch ein Name ein, der Name der ARD-Auslandskorrespondentin für beispielsweise Venezuela oder Kuba, nämlich Xenia Böttcher, auf die sich die ARD bei ihren einseitigen Berichten beruft. Und ich kann nicht anders, als mich daran zu erinnern, dass Gerardo Hernandez Nordelo wegen »Verschwörung zum Mord« von US-Gerichten zu zweimal Lebenslänglich und 15 Jahren verurteilt wurde, da man keine Beweise für Mord oder Anstiftung zum Mord vorlegen konnte. Der US-Menschenrechtsanwalt Leonard Weinglass, einer der Anwälte der »Cuban Five«, nannte die »Verschwörung zum ...« einmal das im Zweifelsfall verwendete »Lieblingsargument« der US-Justiz.
    Josie Michel-Brüning, Wolfsburg

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