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Aus: Ausgabe vom 16.07.2021, Seite 10 / Feuilleton
Stadt und Land

Die Berliner Hamptons

Unterwegs in Deutschlands hipster Region
Von Bernhard Spring
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Sehnsuchtsort der Region: Schloss Boitzenburg

Wenn es den Berliner aufs Land zieht, fährt er in die Uckermark. Die kleinen Ortschaften zwischen Havel und Oder sind für den Hauptstädter das, was für den New Yorker die Hamptons sind. Das zumindest behaupten die Berliner, die in Pinnow, Tantow und Zichow ihre Datsche haben.

Die Liebe der Berliner zur Uckermark ist nur allzu verständlich, denn die Region im Norden Brandenburgs hat viel zu bieten: verträumte Alleen, schier endlose Kiefernwälder und zahlreiche Seen. Der stressverseuchte Großstädter erlebt im wohl großflächigsten Funkloch Deutschlands »Digital Detox« pur. An den Wasserstraßen sorgen nur stündlich herabgelassene Brücken für die längst überfällige Entschleunigung. Und die spärlichen kulturellen Angebote – die ortskundige Kanzlerin höchstselbst empfiehlt einen Besuch der Stadtmauer von Templin – üben in Genügsamkeit.

Vor allem aber ist die Uckermark nahezu menschenleer. Staus, Schlange stehen, Parken in der zweiten Reihe – all das gibt es hier nicht. Mangels Personen benötigt nicht einmal die erwähnte Kanzlerin irgendeinen Personenschutz, wenn sie in ihrem Wochenendhaus am Krinertsee den Kirschkuchen zum Abkühlen ins Fenster stellt. Hier, wo so wenige Menschen leben wie sonst kaum in Deutschland, lernt der Besucher, eins mit der Natur zu sein – auch wenn sie größtenteils in Gestalt von Mücken daherkommt.

Der Sehnsuchtsort der Region ist das Schloss Boitzenburg. Dieses märkische Schloss Neuschwanenstein steht auf einer kleinen Anhöhe und von Bäumen umgeben in einem weitläufigen englischen Landschaftsgarten. Von außen im Stil der Neorenaissance gehalten, wird das Interieur vom unverfälschten Jugendherbergscharme der Wendejahre erfüllt. Giftgrüne Tapeten dominieren das Treppenhaus, das zwischen Abriss und Sanierung schwankt. Die Zimmer selbst überraschen mit knarrenden Betten, feuchten Decken und den obligatorischen Überresten erschlagener Mücken an den Wänden. Um den mittelalterlichen Ursprung des Schlosses zu unterstreichen, wird hier nicht nur auf den Fernseher, sondern auch auf die Nachttischbeleuchtung verzichtet. Wer vor traumhafter Kulisse heiraten und anschließend im Doppelstockbett übernachten will, ist hier genau richtig.

Für exklusivere Gäste empfiehlt sich eine DDR-gründerzeitliche Platte, die als Verzierung des Schlossensembles im Originalzustand bewahrt wurde. Fehlende Zimmertüren und aus der Wand gelöste Waschbecken weisen auf die vielen prominenten Besucher hin, die hier einst genächtigt haben. In den noch bewohnbaren Zimmern werden ferne Erinnerungen wach: Wie war das noch, die erste Klassenfahrt mit Westmark?

Mit diesem nostalgisch-wohligen Gefühl geht es zurück auf die Datsche, wo im Schrebergarten gegen Hitzewelle und märkischen Sandboden angekämpft wird. Den Großstädter umgibt dabei die kontemplative Stille absoluter Einsamkeit. Wer sich mit dieser eindrücklichen Selbsterfahrung schwertut, den mag es trösten, dass Prenzlauer Berg von Prenzlau aus in anderthalb Stunden zu erreichen ist. Wenn man gut durch Berlin kommt.

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