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11.06.2021, 19:49:11 / Inland
Arbeitskampf

Lieber sterben statt zu deeskalieren

Firmenchef von »Gorillas« geht nicht auf Forderungen der streikenden Kuriere ein
Von Simon Zamora Martin, Berlin
Blockiertes Warenlager: Gorillas-Kuriere streiken auch am Freita
Blockiertes Warenlager: Gorillas-Kuriere streiken auch am Freitag in Berlin

»Bei Gorillas geht es ums Fahrradfahren, nicht um Politik«, verkündete Firmenchef Kagan Sümer auf einen kurzzeitig eingeräumten Treffen am Freitag nachmittag. In einer 15minütigen Ansprache wendete er sich an die Rider von Gorillas – so nennen sie die Fahrradkuriere des Onlinesupermarktes – anlässlich der wilden Streiks in Berlin: Am Mittwoch wurde der Rider Santiago ohne Angaben von Gründen entlassen, worauf seine Kollegen die Arbeit niederlegten. Schnell weiteten sich die Streiks mit Lagerblockaden auf andere Berliner Standorte aus. Am Donnerstag kam es im Prenzlauer Berg zu Blockaden und für Freitag abend sind Streiks und Blockaden in Kreuzberg, möglicherweise auch in Friedrichshain geplant.

Über die Entlassung Santiagos und die Proteste erzählte Sümer jedoch Altbackenes. »Es ist nicht in Ordnung, dass sein Fall jetzt für politische Interessen eingesetzt wird«, so der Firmenchef. Was genau diese politischen Interessen sind, ließ er offen. Möglicherweise meint er, dass die Streikenden nicht nur die Rücknahme von Santiagos Kündigung fordern, sondern mittlerweile auch eine Abschaffung der Probezeit. Offenbar sah auch das LKA in dem wilden Streik gegen die Entlassung ein potentiell staatsgefährdenden Akt. Jörg Reichel, Sekretär der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union in Verdi, identifizierte laut Twitter die zivilen Beamten am Mittwoch als Angehörige des Staatsschutzes.

Das »Gorillas Workers Collective« leakte vor dem Treffen Sümers eine Mitteilung des Firmenchefs, welche über den Nachrichtendienst Slack an das mittlere Management gerichtet gewesen sei. Darin heißt es: »Ich habe zu Public Affairs und PR-Agenturen gesprochen«, und weiter: »Sie haben mir gesagt, ich sollte deeskalieren. Ich würde lieber sterben, um die Werte zu verteidigen, als zu deeskalieren«.

Eine Neuigkeit hatte Sümer am Freitag dann doch zu verkünden: Ende Juni wolle er eine Fahrradtour durch Deutschland machen, um die verschiedenen Standorte seiner Firma zu besuchen. »Ich glaube, er war high«, kommentiert der Rider Ador die Rede seines Chefs gegenüber jW. Statt die Probleme zu diskutieren, hätte er über seine Liebe zum Fahrradfahren gesprochen. »Wenn er nicht deeskaliert, machen wir es auch nicht«, so Ador. Am Mittwoch hätten die Beschäftigten gegen die Entlassung von Santiago gestreikt, am Donnerstag gegen die Probezeit von sechs Monaten. »Jetzt geht der Kampf um alles: Wir wollen bessere Löhne, einen sicheren Arbeitsplatz und ein Ende der rassistischen und sexistischen Diskriminierung«. Die Beschäftigten seien hochmotiviert und der Arbeitskampf würde in den nächsten Tagen noch intensiviert werden. »Eine Frage hab ich noch an Sümer«, sagte Ador. »Warum ist es für Gorillas schwerer, für gute Arbeitsbedingungen zu sorgen, als Filialen in Frankreich und New York aus dem Boden zu stampfen?«

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