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Aus: Ausgabe vom 01.03.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
65 Jahre NVA

Der »General« stand Pate

Heute vor 65 Jahren wurde die Nationale Volksarmee der DDR gegründet – die einzige deutsche Armee, die keinen Krieg begonnen hat
Von Matthias Krauß
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»Achtung! Der General!« Titelseite der Satirezeitschrift Eulenspiegel zum 150. Geburtstag von Friedrich Engels (November 1970)

Zwischen dem 200. Geburtstag des Marxismus-Mitbegründers Friedrich Engels im vergangenen November und dem 65. Jahrestag der Gründung der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR am 1. März liegen nur wenige Wochen. Dahinter steht mehr als nur das zufällige Zusammentreffen zweier Jubiläen. Die nach 1956 aufgebaute NVA sah in ­Engels eine Leitfigur, die sich auch im Wappenschild wiederfand. Dieser hatte die marxistische Bibliothek um eine Reihe militärtheoretischer Schriften bereichert (u. a. »Die Armeen Europas«, »Der deutsche Bauernkrieg«), darunter Untersuchungen zu Detailfragen rund um Infanterie, Kavallerie und Fortifikation. Der beste Freund von Karl Marx trug den Spitznamen »Der General«.

»Engels ist der erste Militärhistoriker der Arbeiterklasse und einer der größten Historiker der Kriegskunst«, heißt es in der 1970 im Moskauer Progress-Verlag erschienenen Engels-Biographie. Aber der »General« beließ es nicht bei der Schriftstellerei. Als Adjutant eines Kommandeurs der badisch-pfälzischen Revolutionsarmee hatte Friedrich Engels 1849 auch Truppen in der Schlacht geführt. »Von seiner außerordentlichen Kaltblütigkeit und seiner absoluten Verachtung jeder Gefahr sprachen noch lange später alle, welche ihn im Feuer gesehen hatten« (Marx-Tochter Eleanor in einem Brief). Es war also nicht von ungefähr, dass die höchste Bildungseinrichtung der NVA, die Militärakademie in Dresden, den Namen Friedrich Engels trug.

Der einstige SPD-Verteidigungsminister Peter Struck hatte Deutschland bekanntlich nicht nur am Hindukusch verteidigt, er verfügte 2004 auch die Schließung des Oranienburger Standortes der Bundeswehr – ein Beispiel für die Politik der gezielten Spurentilgung. An dieser Stelle muss sie ihm besonders leicht gefallen sein. Denn in Oranienburg wurde deutsche Militärgeschichte geschrieben: Vor nunmehr 65 Jahren, im Frühjahr 1956, wurde dort ein »1. mechanisiertes Regiment« aufgestellt und damit die Nationale Volksarmee der DDR aus der Taufe gehoben.

Am 18. Januar 1956 hatte die Volkskammer die Schaffung einer Armee beschlossen, am 30. April übergaben der damalige Minister für Nationale Verteidigung, Willi Stoph, später DDR-Ministerpräsident, und der einstige Wehrmachtsgeneral Vincenz Müller die Regimentsfahne. Den Fahneneid entwarf Kulturminister Johannes R. Becher, im Nebenberuf Dichter. Angesichts des Äußeren der neuen Truppe war der Staat seinen Bürgern und dem Rest der Welt eine Erklärung schuldig: Dieses Einheitsgrau am Soldatenleib, dieser »Rock des Vaterlands« war weltbekannt – es war eigentlich alles wie bei der Naziwehrmacht, wenn man vom abgetrennten Reichsadler absieht. »Deutsche tragen deutsche Uniformen«, argumentierte die SED-Presse in jenen Tagen feinsinnig und vergaß den Hinweis nicht, dass die zeitgleich aufgestellte westdeutsche Bundeswehr sich für den Stahlhelm der US-amerikanischen Atombombenabwerfer entschieden habe.

1990 wurde die NVA in die Geschichte zurückbefohlen, 6.000 ihrer 38.000 Berufssoldaten erhielten noch einen Zweijahresvertrag. Kein NVA-General sollte dem Bonner Verteidigungsministerium begegnen, auch Generalmajor – und erster Deutscher im All – Sigmund Jähn nicht. Alle wurden entlassen. Im Falle von Hitlers Wehrmacht war man nach 1949 großzügiger, die Bundeswehr muss man als lupenreine Wehrmachtsgründung und Nachfolgeorganisation ansehen. Immer mal hieß es westlicherseits verzweifelt, bei der NVA sei man ja auch nicht anders verfahren. Wie aber war es wirklich? In den entscheidenden 50er und 60er Jahren hatten nie mehr als fünf Prozent des kommandierenden Personals der NVA zuvor Uniformen der faschistischen Wehrmacht getragen, in Falle der Bundeswehr waren es nie weniger als 95 Prozent.

Die heutige EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte als Verteidigungsministerin vor drei Jahren einen neuen Traditionserlass für die Bundeswehr in Kraft gesetzt. Darin wird klargestellt, dass die Wehrmacht und die Nationale Volksarmee der DDR (NVA) als Institutionen keine Tradition der Bundeswehr begründen. Bezogen auf die Wehrmacht kam das allerdings 70 Jahre zu spät, die hat auf das heftigste Tradition der Bundeswehr begründet, und das tut sie, wenn man gelegentlichen Aufklärungen Glauben schenken kann, bis heute. Ungeniert wurden in diesem Erlass der Verteidigungsministerin wieder einmal Dinge zusammengespannt, die niemals zusammen gehörten: Die Wehrmacht als wichtigstes Instrument Adolf Hitlers beim Versuch, Europa in ein Konzentrationslager zu verwandeln. Und die Nationale Volksarmee der DDR, welche die einzige deutsche Armee seit der Heinrichs I. war, die keinen Krieg begonnen hat. Natürlich konnte sie mit dieser Eigenschaft für die Hindukusch-Bundeswehr nicht traditionsstiftend sein. Solange die NVA auf dem Posten war, herrschte in Europa Frieden. Wenige Monate nachdem sie von dort abgezogen war, ist der Krieg nach Europa zurückgekehrt. Mit dieser Wahrheit steht die deutsche Aufarbeitungsindustrie in einem 30jährigen Krieg.

Lied für Soldaten

Von Peter Hacks

Im Jahre fünfundvierzig

w

Hat es ein End genommen,

Dass die Junker das Korn

Und die Bauern die Schläge bekommen.

Drum trag’ ich eben mein Gewehr

im Arbeiter und Bauernheer

für Volksmacht und rote Zukunft.

Im Jahre sechsundvierzig

Da haben die Proleten

Die Konzernherren um Leuna und um

Bergmann-Borsig »gebeten«.

Drum trag’ ich eben mein Gewehr …

Die Junker und Konzernherrn

Die Sitzen an der Elbe,

Plärren Freiheit und meinen Profit, es

Ist immer dasselbe.

Drum trag’ ich eben mein Gewehr …

Ihr Herren Eigentümer,

Das Volk will nicht mehr fronen,

Das Volk hat das Land, die Fabrik, und

Es hat die Kanonen.

Drum trag’ ich eben mein Gewehr …

(erschienen in Armeerundschau 6/1958; Musik: Rolf Kuhl)

Copyright: Eulenspiegel-Verlag

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

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