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Aus: Ausgabe vom 02.12.2020, Seite 1 / Titel
Krisengewinnler

Spitzelkönig Amazon

Onlinegigant überwacht Arbeiter mit spezieller Software. Landesdatenschutzbeauftragte Niedersachsens greift ein. Verdi warnt vor »demokratiefreier Konzernzone«
Von Oliver Rast
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Das Geschäftsmodell Amazon: Überausbeutung kombiniert mit Kontrollwahn

Das Business läuft bestens für den Krisengewinnler Amazon. Sand ins Getriebe des Onlinegiganten indes streuen seit mehreren Tagen Beschäftigte. Die streiken hierzulande in mehreren Versandzentren, kämpfen um einen Tarifvertrag, drücken die Profitrate, minimal zumindest (siehe jW vom 1.12.). Neben renitenten Arbeitern bedrängen nun auch Datenschützer den Konzern.

Mit gutem Grund: Amazon wird bereits seit Jahren für den Einsatz von Überwachungstechnologie in seinen Warenumschlagpunkten kritisiert. Nach Berichten von Tagesschau.de vom Dienstag schlägt die niedersächsische Landesbeauftragte für Datenschutz, Barbara Thiel, Alarm. Der Vorwurf: Mit einer speziellen Software kann die Arbeitsleistung der Beschäftigten offenbar ohne Unterlass kontrolliert werden.

Zuerst berichtete das ARD-Magazin »Panorama« im Oktober darüber. Konkret sieht das so aus: Ein Amazon-Arbeiter scannt eine Ware, die er einlagert, heraussucht oder versandfertig macht. Hierbei geht es vor allem um eines: Tempo. Dieser Scanvorgang wird auf die Sekunde erfasst und dem Vorarbeiter angezeigt. Lässt bei einem unter Dauerstress stehenden Beschäftigten die Kondition, sprich Arbeitsleistung nach, registriert der Vorarbeiter dies sofort auf seinem Display – und schreitet gegebenenfalls ein.

Ein Amazon-Arbeiter aus Leipzig, der anonym bleiben will, bestätigte am Dienstag gegenüber jW: »Die betriebsinterne Überwachung soll uns disziplinieren, ganz klar.« Würden bestimmte von der Geschäftsführung festgelegte Effizienzkriterien von einzelnen Beschäftigten nicht erfüllt, suchten Manager, die ständig in den Hallengängen auf und ab laufen, rasch das Gespräch mit ihnen. »Alle sollen sich beobachtet fühlen«, so der Logistikarbeiter.

Die Landesdatenschutzbeauftragte Thiel bestätigte laut Tagesschau.de gegenüber »Panorama«, man habe dem Amazon-Standort im niedersächsischen Winsen untersagt, »ununterbrochen jeweils aktuelle und minutengenaue Quantitäts- und Qualitätsleistungsdaten ihrer Beschäftigten zu erheben und diese zu nutzen«. Amazon wirkt gelassen. »In dem uns vorliegenden Bescheid hält die Behörde fest, dass wir nicht daran gehindert sind, die bestehenden Softwaresysteme weiter zu nutzen«, teilte ein Konzernsprecher auf jW-Nachfrage am Dienstag mit. Offene Fragen zur Datenerhebung würden nun gerichtlich geklärt.

Erst kürzlich wurde bekannt, dass Amazon das berüchtigte US-Sicherheitsdienstunternehmen Pinkerton engagiert, um Umweltschützer und Gewerkschafter zu observieren (siehe jW vom 26.11.). Niklas Hoves, Geschäftsführer von Ethecon – Stiftung Ethik und Ökonomie, sagte am Dienstag gegenüber jW: »Das Geschäftsmodell von Jeff Bezos basiert nicht nur auf Ausbeutung der Beschäftigten, sondern gleichermaßen auf hemmungsloser Spitzelei.« Nicht nur deshalb erhielt der Amazon-Boss jüngst den Stiftungspreis »Dead Planet Award«, einen Negativpreis für »hervorragende Verdienste« um den Ruin von Umwelt und Arbeitswelt.

Auch Verdi schaltet sich ein. Orhan Akman, bei der Gewerkschaft zuständig für den Einzel- und Versandhandel, erklärte am Dienstag im jW-Gespräch: »Amazon agiert wie ein kontrollgetriebener Überwachungsstaat.« Der Konzern dürfe nicht zu einer demokratiefreien Zone werden, indem Manager gegenüber den Beschäftigten schalten und walten können, wie sie wollen. Deshalb müssten die Datenschutzbehörden in allen Ländern und im Bund gegen den Dauerspitzel aktiv werden. Das Ziel: Amazon das Handwerk legen.

Die Podiumsdiskussion auf der XXVI. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz am 9. Januar widmet sich den Geschäftspraktiken des »Krisengewinnlers Amazon« und Perspektiven der Gegenwehr

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