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Aus: Ausgabe vom 16.09.2020, Seite 16 / Sport
Olympische Spiele

Olympischer Papiertiger

Eine Studie zu den Kosten der Sommerspiele von Tokio stellt den Erfolg der IOC-Reform »Agenda 2020« in Frage
Von Andreas Müller
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Vielleicht klappt es mit der nächsten Agenda: IOC-Präsident Thomas Bach

Als Tokio 2013 den Zuschlag für die Ausrichtung der Olympischen Spiele 2020 erhielt, veranschlagte die japanische Hauptstadt die zu erwartenden Kosten mit 7,3 Milliarden Dollar. Inzwischen schlagen die Aufwendungen für die auf nächstes Jahr verschobenen Spiele mit rund 16 Milliarden Dollar zu Buche. Diese Unsumme, errechnet von Wissenschaftlern der renommierten Universität Oxford, liegt damit bereits eine Milliarde über jener der bis jetzt teuersten Spiele aller Zeiten 2012 in London. Wenn die Sommerspiele 2021 in Tokio über die Bühne gehen, werde es laut Studie wohl noch teurer als erwartet. Eine Rechnung, die vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) umgehend als nicht stimmig zurückgewiesen wurde. Im Jahr der »Agenda 2020« kann man derartige Nachrichten nicht gebrauchen.

Es war die 127. Vollversammlung des IOC im Dezember 2014 in Monte Carlo, als die Funktionäre und ihr Präsident Thomas Bach besagte »Agenda 2020« euphorisch feierten. Warum das IOC sein Papier ausgerechnet mit dieser Jahreszahl versah? Wohl auch, weil ab diesem Jahr alles billiger und trotzdem besser werden sollte. Die insgesamt 40 Punkte der von 14 Kommissionen vorbereiteten Reform beinhalten zum Beispiel, dass es künftig keine Geheimverträge zwischen dem IOC und der Gastgeberstadt von Olympischen Spielen mehr geben soll. Das IOC wolle Interessenten mit Hilfestellungen bei ihren Vorüberlegungen zu einer Olympiabewerbung entgegenkommen und fordert Bewerber geradezu auf, bestehende Sportstätten und Infrastruktur zu nutzen, statt neue zu bauen. Einzelne Wettbewerbe der Spiele sollen zukünftig problemlos außerhalb der Stadtgrenzen des Gastgeberortes und in Ausnahmefällen außerhalb des Gastgeberlandes stattfinden dürfen.

Alles Anreize, die Kosten zu reduzieren, die für die Sommerspiele in Tokio noch nicht so recht fruchten wollen. Einem nächsten Test auf Glaubwürdigkeit darf sich das IOC unterziehen, falls sich das Projekt Rhein-Ruhr-City demnächst offiziell um die Spiele 2032 bewerben sollte. Das IOC-Versprechen von 2014, dass Bewerbungen künftig zu vereinfachen sind und der Aufwand dafür zu begrenzen ist, dass Olympische Spiele kostengünstiger zu gestalten und stärker dem individuellen Charakter des jeweiligen Gastgebers anzupassen sind, würde dann von Deutschland aus auf eine ernsthafte Probe gestellt.

Apropos: Dem IOC-Papiertiger gingen wichtige Vorarbeiten aus Deutschland voraus. Genaugenommen ist diese Agenda ein Verdienst deutscher Sportpolitik, und zwar nicht zuerst, weil mit Thomas Bach seit 2013 ein Deutscher das IOC anführt. Einen Anteil an den Bachschen IOC-Neuerungen hatte das für Sport zuständige Bundesministerium des Innern in der Ära von Minister Hans-Peter Friedrich (CSU) als Gastgeber der UNESCO-Weltkonferenz der Sportminister Ende Mai 2013 in Berlin, kurz MINEPS genannt. In der dort verabschiedeten »Berliner Erklärung« wird unter anderem die Bereitschaft bekundet, bei der Bewerbung um Sportgroßveranstaltungen »für offene, frei zugängliche und transparente Verfahren zu sorgen«. Ein Passus, der von allen Teilnehmern der Konferenz unterschrieben wurde und als Steilvorlage oder zumindest als wirkungsvolle Anregung für die anderthalb Jahre später verabschiedete »Agenda 2020« des IOC angesehen werden darf.

Was die unverändert exorbitanten Kosten für Olympia anbelangt: Vielleicht fruchtet die Agenda ja bis zu den Winterspielen 2022 in Peking oder bis zum Olympia-Sommer 2024 in Paris oder spätestens acht Jahre darauf bei dann preiswerten Spielen in der Region Rhein-Ruhr. Oder vielleicht hilft eine vom IOC modifizierte und aktualisierte und endlich beim Wort genommene »Agenda 2030«.

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