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Aus: Ausgabe vom 28.07.2020, Seite 7 / Ausland
Brasilien

Alleine gelassen

Brasilien: Indigene Stammesälteste sterben besonders häufig an Covid-19. Kritik an Regierung
Von Norbert Suchanek, Rio de Janeiro
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Für die Rechte Indigener: Bep’kororoti Paulinho Paiakan bei einer Demonstration gegen Expräsident Michel Temer in Brasilia (14. April 2017)

Im Jahr 1992 hat sich Brasilien gemeinsam mit insgesamt 167 anderen Vertragsstaaten im Rahmen der Biodiversitätskonvention (CBD) dazu verpflichtet, traditionelles Wissen anzuerkennen, zu fördern und zu schützen. Doch genau dem kommt die Regierung inmitten der Covid-19-Krise nicht nach. Die indigenen Völker des Landes sind dem Virus, der vor allem die Stammesältesten und damit die Träger des traditionellen Wissens dahinrafft, seit Beginn der Pandemie nahezu schutzlos ausgeliefert.

So starb am 1. Juni mit 71 Jahren Häuptling Vicente Saw vom Volk der Mundukuru im Indianerreservat Sai-Cinza in Pará an Covid-19. Tags darauf erlag der 59jährige Amâncio Ikon, Anführer der Mundukuru im Reservat Praia do Mangue, der Krankheit. »Der Tod unserer Häuptlinge ist ein unwiederbringlicher Verlust für uns«, beklagten die Munduruku in einem offenen Brief an die brasilianische Bevölkerung. »Es ist, als würden wir eine uns alle unterrichtende Bibliothek verlieren«. Wenige Tage zuvor waren bereits die drei Mundukuru-Stammesältesten Jerônimo Manhuary mit 86 Jahren, der 76jährige Angélico Yori und der 70 Jahre alte Raimundo Dace Opfer von Covid-19 geworden.

Ebenfalls im Juni starb der 41jährige Häuptling des Arara-Volkes José Carlos Ferreira Arará im vom Bau des Belo-Monte-Staudamms betroffenen Xingú-Gebiet an dem Virus. Am 9. Juli traf es den 58jährigen Häuptling des Indianerdorfs Cana Fistola im Bundesstaat Maranhão, Josimar José Guajajara. Tags darauf raffte die Pandemie den Stammesältesten Juraci Wasari Javaé von der Bananal-Insel im Bundesstaat Tocantins mit 79 Jahren hin. Der ehemalige Häuptling ist das erste Covid-19-Opfer des Javaé-Volkes.

Schon am 24. Mai erlag der 93jährige Schamane Sakamiramé Asurini, einer der wichtigsten Anführer des Asurini-Volkes in Tocantins dem Virus, während er in einem Gesundheitsposten auf ein freies Bett in der Intensivstation des nächstgelegenen Krankenhauses wartete. Am 12. Juli beklagten die Pataxó von Coroa Vermelha im Süden Bahias den ersten an Covid-19 verstorbenen Stammesältesten: den 78jährigen Valmir Nunes Alves.

Einer der größten Verluste durch ­Covid-19 ist der Tod des Kayapó-Häuptlings Bep’kororoti Paulinho Paiakan. Der in den 1950er Jahren geborene Indianerführer erlag der Krankheit am 17. Juni 2020 im Regionalkrankenhaus von Araguaia im Bundesstaat Pará. Er hatte mit dafür gesorgt, dass der Bau des Belo Monte-Staudamms (damals Kararô genannt) 1989 vorläufig verhindert wurde, 1990 erhielt er dafür den UN-Umweltpreis »Global 500« und wurde von der Washington Post als »Mann, der die Erde retten kann« bezeichnet. Zwei Wochen zuvor war im Alter von 88 Jahren der Schamane Zé Yté im Kayapó-Dorf Gorotire an Covid-19 gestorben. Dieser hat in den 1980er Jahren zusammen mit dem Ethnobiologen Darrell Posey versucht, die Forschung und Politik von der Bedeutsamkeit des traditionellen Wissens für den Erhalt der biologischen Vielfalt überzeugten.

Invasion der Goldgräber

Besonders schwer hat Covid auch die Xavante im »Sojastaat« Mato Grosso heimgesucht. Ihr bekanntester Häuptling Domingos Mãhörõ starb Anfang Juli mit 60 Jahren im Sangradouro-Reservat in Mato Grosso. Er war das 36. Coronavirusopfer der Xavante. Überlandstraßen wie der »Sojaautobahn« BR-158, die das Xavante-Reservat Marãiwatsédé durchzieht, sieht Häuptling Lúcio Xavante als eine der Ursachen für die hohe Zahl an Coronaopfern. »Andere Indianervölker wie die Munduruku und die Yanomami wiederum leiden unter einer Invasion von illegalen Goldgräbern«, erläutert das staatliche Gesundheitsinstitut Fiocruz. »Mit der Covid-19-Pandemie haben sich diese Aktivitäten und das Kontaminationsrisiko für die betroffenen Völker erhöht.«

Schon vor Wochen hatten die Häuptlinge der Yanomami und Ye’kwana im Bundesstaat Roraima die brasilianischen Behörden eindringlich aufgefordert, die Goldgräber aus ihrem Stammesgebiet, das sie sich mit fünf weiteren Völkern teilen, zu entfernen. »Wir erleben die Ausbreitung von Covid-19 in unserem Territorium«, sagte Dario Kopenawa Yanomami, Vizepräsident der Hutukara Yanomami-Vereinigung: »Wir brauchen die Unterstützung vom brasilianischen Volk und von Menschen auf der ganzen Welt.« Etwa 27.000 Indigene stehen bis heute im Yanomami-Reservat mit seiner Fläche von 9,6 Millionen Hektar rund 25.000 Goldgräbern gegenüber.

Goldsucher seien eine der möglichen Ursachen für die Coronainfektionen im Kayapó-Gebiet, schätzt der Wissenschaftler Felipe Milanez von der Universität von Bahia. Hinzu kämen fortgesetzte Missionarstätigkeiten von evangelikale Kirchen bei den Kayapó. Laut Milanez bestehe ebenso der Verdacht auf Viruseinschleppung durch staatliches Gesundheitspersonal der SESAI (Secretaria Especial de Saúde Indígena), das das Reservat ohne Vorbeugequarantäne oder ohne vorige Covid-19-Tests betreten habe. Kayapó-Häuptling Raoni Metuktire klagt in diesem Zusammenhang direkt Regierungschef Jair Bolsonaro an, die Pandemie zur »Ausrottung« der Ureinwohner auszunutzten. Die indigenen Dörfer könnten sich nicht isolieren, ihre Gebiete seien schutzlos Goldgräbern, Holzfällern und Landräubern ausgeliefert .

Wie viele Stammesälteste, Schamanen oder Häuptlinge dem neuen Coronavirus bislang zum Opfer gefallen sind, ist unbekannt. Brasiliens seit Jahrzehnten chronisch unterfinanziertem und von Korruption ausgehöhltem Gesundheitssystem fehlen ausgebildete Fachkräfte und aussagekräftige Covid-19-Tests, besonders in den entlegenen Regionen der indigenen Reservate.

UN-Konferenz verschoben

Der Dachverband der Indigenen Völker Brasiliens (Articulação dos Povos Indígenas do Brasil – APIB) hat bis zum 15. Juli insgesamt 508 an Covid-19 verstorbene Ureinwohner und 130 betroffene indigene Völker gezählt. Die staatliche Gesundheitsbehörde SESAI hingegen spricht von lediglich 216 indigenen Opfern. Sie berücksichtigt jedoch ausschließlich die in den Reservaten lebenden Ureinwohner.

Für kommenden Oktober war ursprünglich die 15. UN-Konferenz über die Biodiversitätskonvention (CBD) in Kunming in China geplant. Aufgrund der Covid-19-Pandemie wurde das internationale Treffen zum Schutz der biologischen Vielfalt bereits im März 2020 auf einen unbestimmten Zeitraum im zweiten Quartal 2021 verschoben. Viele indigene Wissensträger werden diesen Termin wahrscheinlich nicht mehr erleben und ihre für den Erhalt der biologischen und kulturellen Vielfalt des Planeten wichtigen, traditionellen Kenntnisse werden unwiederbringlich verloren sein.

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