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Aus: Ausgabe vom 24.07.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
USA

»Auch lokale Polizei trägt keine Samthandschuhe«

Unabhängig von Krise sind Rechtsverletzungen Dauerzustand. Gespräch mit Jitu Brown und Jesse Hagopian
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»Krankenpfleger statt Cops«: Demonstration gegen Polizeipräsenz an Schulen in Chicago (24.6.2020)

Was sagen Sie als langjähriger Bürgerrechtler zu dem, was US-Präsident Donald Trump jetzt in Chicago vorhat?

Jitu Brown: Als sich in Chicago die Covid-19-Erkrankungen explosionsartig ausbreiteten, waren 70 Prozent der Todesopfer Schwarze, obwohl wir nur 30 Prozent der Bevölkerung stellen. In Orten wie Newark, New Jersey, mussten sich Schwarze an Kontrollpunkten ausweisen, wenn sie in andere Stadtviertel gehen wollten. Als nach der Ermordung von George Floyd im ganzen Land Aufstände ausbrachen, herrschte in meiner Nachbarschaft das Kriegsrecht. Und das ist bis heute so.

Unabhängig von der jeweiligen Krise oder Eskalation der Situation ist die Verletzung unserer Rechte ein Dauerzustand. Wenn Donald Trump Bundesagenten nach Chicago schicken will, bereitet uns das natürlich Sorge, aber wir sollten nicht so tun, als seien unsere Rechte nicht bereits missachtet worden. Als junger Organisator habe ich erlebt, wie die Polizei von Chicago zwei Busladungen voller junger Schwarzer ins Gefängnis abtransportierte. Das war der Beginn der Masseninhaftierungen junger Männer und Frauen mit schwarzer oder brauner Hautfarbe.

Abgesehen davon, welches Risiko es für Proteste und Organisationen bedeutet, wenn anonyme Bundesagenten in unsere Stadt kommen, ist es wichtig zu sagen, dass auch die lokale Polizei keine Samthandschuhe trägt. Letzte Woche nahm hier die junge Aktivistin Miracle Boyd am Protest gegen eine Christopher-Kolumbus-Statue teil, als ein Chicagoer Cop auf die 18jährige zustürmte und ihr mit seinem Schlagstock die Zähne ausschlug. Diese Brutalität ist also nicht neu. Auch die Verletzung unserer Rechte ist nicht neu, und das geschieht unabhängig davon, ob Donald Trump oder die Demokraten dafür verantwortlich sind.

Die Bürgermeisterin von Seattle, Jenny Durkan, hat mit fünf anderen Bürgermeistern Präsident Trump aufgefordert, keine Bundesagenten in ihre Städte zu schicken. Ihre Meinung dazu?

Jesse Hagopian: Es ist eine schreckliche Vorstellung, dass Trump diese Kräfte wirklich in meine Stadt schicken könnte, um die Leute von der Straße zu verschleppen. Als Geschichtslehrer weiß ich, dass diese Art, Demonstranten verschwinden zu lassen, diktatorische und faschistische Regime kennzeichnet. Wir erleben jetzt selbst, was Migranten ohne Papiere oder schwarze und hispanische Familien seit Jahren durchmachen, deren Angehörige unter dem Regime der Masseninhaftierungen schon viel zu lange in Gefängnisse verschleppt wurden.

Aber die Haltung unserer Bürgermeisterin Durkan unterscheidet sich trotz all ihrer Rhetorik gegen eine »Einmischung des Bundes« kaum von der Trumps. In Seattle hat es eine Massenbewegung geschafft, die Polizei aus ihrer Wache-Ost zu vertreiben, nachdem sie wahllos Demonstranten nach dem schrecklichen Mord an George Floyd mit Tränengas beschossen und gewaltsam angegriffen hatte. Trump nannte die Demonstranten »Terroristen« und sagte, er werde Truppen schicken und die Situation »klären«, wenn Jenny Durkan es nicht tun würde. Und tatsächlich ließ sie ihre Cops mit nicht weniger brutaler Gewalt gegen die Demonstranten vorgehen. Deshalb unterstütze ich die Forderung, den Etat der Polizei um 50 Prozent zu kürzen, um dieses Geld für Gesundheit und soziale Sicherheit zu verwenden, und alle festgenommenen Demonstranten sofort freizulassen!

Jitu Brown ist Vorsitzender des Netzwerks »Journey for Justice Alliance« in Chicago, Jesse Hagopian Geschichtslehrer in Seattle und Mitglied im nationalen Leitungskomitee von »Black Lives Matter at School«

Das hier leicht gekürzt erscheinende Interview führte Amy Goodman am 21. Juli 2020 für den US-Nachrichtensender Democracy Now!

Übersetzung: Jürgen Heiser

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