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Aus: Ausgabe vom 20.05.2020, Seite 2 / Kapital & Arbeit
Streik von Erntehelfern

»Skandalös, was in unserem Land möglich ist«

Ausbeutung auf deutschem Spargelhof: Osteuropäische Erntehelfer wehren sich gegen schlechte Bezahlung. Ein Gespräch mit Erik Hagedorn
Interview: Gitta Düperthal
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Protest der Erntehelfer am Montag in Bornheim

Seit vergangenem Freitag streiken bis zu 80 von insgesamt rund 300 osteuropäischen Wanderarbeiterinnen und -arbeitern beim Erdbeer- und Spargelhof Ritter in Bornheim bei Bonn (jW berichtete). Wie ist die aktuelle Lage?

Am Montag hatten wir noch gedacht, den Arbeitskampf beenden zu können, da es am Abend Lohnzahlungen gab. Bei genauem Hinsehen stellten sich diese aber als lächerlich heraus. Die Person, die es am schlimmsten traf, erhielt nach Abzug der Kosten für ihre Unterkunft und das Essen fünf Euro! Andere wurden mit 50 oder 150 Euro abgespeist – wobei es sich um den Arbeitslohn für etwa zwei Wochen gehandelt haben soll. Manche schuften schon seit einem Monat dort. Die höchste uns bekannte ausgezahlte Summe in einem Einzelfall beträgt 1.200 Euro, andere haben dagegen noch keinen Lohn erhalten. Genaueres wissen wir nicht, weil die Berechnungen völlig intransparent sind.

Das Unternehmen Ritter ist seit Mitte Februar insolvent. Verantwortlich für das Auszahlen und den Betrieb ist der Insolvenzverwalter Andreas Schulte-Beckhausen. Am Dienstag waren wir mit mehr als 100 FAU-Gewerkschaftern, Streikenden und Unterstützern vor dessen Kanzlei in Bonn und haben eine Demo zum rumänischen Konsulat gemacht. Wir werden die Öffentlichkeit informieren, was hier vor sich geht. Diese Menschen wissen nicht einmal, wie sie ihre Heimreise bezahlen sollen.

Die müssen sie selbst finanzieren?

Allerdings. Erst hieß es, sie sollten 100 Euro für die Reise zahlen, teilweise war auch von 300 Euro die Rede. Viele sind geflogen. Andere kamen mit Autos durch mehrere europäische Länder – mit einer Sondergenehmigung wegen der Coronapandemie. Diese angeblich dringend gebrauchten, erfahrenen Fachkräfte aus Osteuropa werden mies behandelt – und obendrein noch auf die Straße gesetzt. Denn von den Arbeitsverträgen hängt auch ihre Unterbringung ab.

Was ist vertraglich vereinbart?

In den Verträgen der Leiharbeiterinnen und -arbeiter steht, dass sie pro Kiste geerntete Erdbeeren 3,35 Euro erhalten. Sie mussten sich allerdings selbst notieren, wie viele sie abgegeben haben. 13 Euro pro Tag sollten ihnen abgezogen werden: für Unterbringung in Containern, Strom, Wasser und Essen. Die Arbeiterinnen und Arbeiter sind sich aber nicht sicher, wieviel sie für all das tatsächlich zahlen müssen. Mündlich sei ihnen mehrfach mitgeteilt worden, die Kosten wären gestiegen. Unserer Meinung nach werden sie übel ausgebeutet. Die FAU hat nun viel Papierkram zu erledigen. Wir müssen bilanzieren, wieviel Geld die einzelnen jeweils bekommen müssen.

Werden die Arbeiter nun gefeuert?

Nach unserer Information hat der Insolvenzverwalter entschieden, die Ernte abzubrechen und die Arbeit einzustellen. Die Menschen aber haben teilweise bis Mitte Juni befristete Arbeitsverträge. Entsprechender Arbeitslohn wurde ihnen zugesichert. Daran muss er sich halten. Das wollen wir durchsetzen.

Wie hatte der Streik am Freitag begonnen?

Als sich herumsprach, wie wenig Geld bisher ausgezahlt worden war, wollten viele nicht mehr auf die Felder zur Ernte fahren. Wir von der FAU kamen, um die Arbeiter zu unterstützen. Einige traten daraufhin in unsere Gewerkschaft ein.

Sie wollten die Unterkünfte besichtigen – weshalb?

Wir hatten gehört, dass teilweise mehrere Menschen zusammen beengt in einem Container wohnen mussten. Es gab Beschwerden über die hygienischen Zustände. Deshalb verlangten wir Zutritt, was uns aber verweigert wurde. Die Polizei wollten wir nicht rufen. Ein Gericht hätte entscheiden müssen, ob wir die Unterkünfte betreten dürfen. Bis dahin wären die Arbeiterinnen und Arbeiter längst obdachlos.

Was hat der Arbeitskampf bislang gebracht?

Wir konnten Mut machen, das Rückgrat stärken. Arbeiterinnen und Arbeiter weigerten sich, Aufhebungsverträge zu unterschreiben, die sie wegen mangelnder Sprachkenntnisse nicht mal hätten verstehen können. Wir konnten auch durchsetzen, dass die Lohnzahlungen im Beisein unseres Anwalts stattfanden. Er vereinbarte, dass durch das Annehmen des Lohns keine weiteren Ansprüche verwirkt werden. Es ist skandalös, dass solche Ausbeutungsverhältnisse in unserem Land möglich sind.

Erik Hagedorn ist Sprecher der Basisgewerkschaft Freie Arbeiterinnen- und Arbeiterunion (FAU)

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