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Aus: Ausgabe vom 21.04.2020, Seite 5 / Inland
Sozialpolitik in der BRD

Kein Rettungsschirm für Kinder

Hunderttausende Alleinerziehende müssen während der Coronapandemie arbeiten
Von Susan Bonath
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Vieles auf einmal: Job, Kinderbetreuung, Haushalt – alleinerziehende Frauen stehen oft alleine da

Kleine Kinder müssen beschäftigt, größere zu Hause beschult werden. Daneben ist entweder Homeoffice Pflicht, oder das Unternehmen verlangt trotz allem den pünktlichen Arbeitsantritt vor Ort. Doch wohin mit den Kindern? Viele Eltern befinden sich angesichts geschlossener Schulen und Kindertagesstätten in der Zwickmühle. Auch Hunderttausende Alleinerziehende lässt der Staat mit diesem Problem allein. Nur ein Viertel der 1,78 Millionen erwerbstätigen Mütter und Väter ohne Partner hat derzeit Anspruch auf eine Notbetreuung in einer Kita oder Grundschule, weil ihr Job als »systemrelevant« gilt. Das geht aus jW vorliegenden Zahlen des Statistischen Bundesamtes hervor, welche Sabine Zimmerman, Bundestagsabgeordnete von Die Linke, abgefragt hatte. Zuerst berichtete am Montag die Neue Osnabrücker Zeitung darüber.

Ein Sprecher der Politikerin betonte gestern gegenüber jW, dass es sich dabei um Schätzwerte handelt, weil die Branchen sehr grob abgesteckt seien. Dies spiegele nicht eins zu eins die einzelnen Berufe wider, welche die Bundesregierung und die Länder als »systemrelevant« deklariert haben. Dazu gehört etwa das Gesundheitswesen, wo 179.000 alleinstehende Elternteile arbeiten. Weitere 117.000 Alleinerziehende sind in der öffentlichen Verwaltung, 50.000 im Lebensmitteleinzelhandel, 36.000 im Bereich Finanzdienstleistungen und 30.000 in der Lagerlogistik tätig. Wer einen anderen Job hat und trotzdem arbeiten muss, kann seine Kinder nicht in die sogenannte Notbetreuung geben. Deutlich wird zudem: Insbesondere Frauen sind davon betroffen, denn 85 Prozent aller erwerbstätigen Alleinerziehenden (1,5 Millionen) sind weiblich.

Die »nicht systemrelevant« Beschäftigten stünden damit vor teils unlösbaren Problemen, bemängelte Zimmermann. Dabei sei das Gros der Alleinerziehenden ohnehin finanziell benachteiligt, weil nur ein Einkommen zur Verfügung steht. Das zeigen bereits die Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Danach bezogen im Jahr 2018 rund 900.000 Alleinerziehende Hartz IV, das war mehr als ein Drittel aller 2,5 Millionen betroffenen Mütter und Väter. Die meisten davon stockten ihre niedrigen Löhne mit dieser Sozialleistung auf, denn lediglich 179.000 von ihnen galten damals als arbeitslos, weitere 112.000 konnten wegen der Betreuung von Kleinstkindern nicht erwerbstätig sein. Eine Notbetreuung für alle Kinder aus Haushalten mit nur einem Elternteil sei deshalb dringend nötig, so die Politikerin, »damit sie ohne finanzielle Einbußen die Betreuung ihrer Kinder sichern können«.

Derweil bürde der Staat allerdings auch alleinstehenden Eltern in »systemrelevanten Berufen« mit der Ausweitung der Arbeitszeiten zusätzliche Lasten auf, kritisierte Zimmermann. Sie forderte von der Bundesregierung, die entsprechende Verordnung »unverzüglich« rückgängig zu machen. Letztere gilt seit 10. April, zunächst befristet bis zum 30. Juni. Demnach können Unternehmen und Verwaltungen die tägliche Arbeitszeit bis auf zwölf Stunden verlängern, zusätzliche Sonntags- und Feiertagsarbeit einführen und die Ruhezeiten verkürzen.

Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende von Die Linke im Bundestag, Susanne Ferschl, hatte den durch das SPD-geführte Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) auf den Weg gebrachten Erlass als »fahrlässige Körperverletzung« bezeichnet. Alleinerziehenden und ihren Kindern schade die Verordnung ganz besonders, warnte nun Zimmermann. Die Kinder bekämen ihre Eltern kaum mehr zu Gesicht. »Hinzu kommt die körperliche und psychische Doppelbelastung für alleinerziehende Eltern durch überlange Arbeitszeiten«, so die Politikerin. Für sie sei ein flächendeckendes Betreuungsangebot für Randzeiten nötig. »Andererseits braucht es deutlich strengere Regeln für Wochenend- und Nachtarbeit«, mahnte sie.

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