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Aus: Ausgabe vom 13.01.2020, Seite 6 / Ausland
Syrien

An der Frontlinie in Idlib

Waffenruhe in umkämpfter syrischer Provinz. Von Dschihadisten zurückeroberte Gebiete in Trümmern
Von Karin Leukefeld, Damaskus
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Offensive gegen Dschihadisten: Syrer bringen sich vor den Kämpfen in Idlib nahe Hazano in Sicherheit (24.12.2019)

Russland und die Türkei haben erneut einen Waffenstillstand für die nordwestsyrische Provinz Idlib vereinbart. Die Waffenruhe begann am gestrigen Sonntag, dem 12. Januar 2020, um Mitternacht Ortszeit. Der russische Präsident Wladimir Putin hatte die Vereinbarung bei seinem Besuch in Damaskus am 7. Januar 2020 mit dem syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad besprochen.

Um Zivilisten in Idlib die Möglichkeit zu geben, während der Waffenruhe das Gebiet zu verlassen, wurden drei humanitäre Korridore im Süden der Provinz bei den Ortschaften Al-Hobeit und Al-Hader sowie im Osten Idlibs bei Abu Ad Duhur geöffnet.

Die dominierende Allianz von islamistischen Kampfgruppen in Idlib ist das »Bündnis zur Befreiung der Levante« (Haiat Tahrir Al-Scham, HTS). Dieses Bündnis wiederum wird von der früheren Nusra-Front dominiert, die sich als Al-Qaida-Vertretung in Syrien bezeichnet. In Teilen der Provinz sollen sich auch noch Einheiten des »Islamischen Staats im Irak und in der Levante« befinden.

Kurz vor Beginn des Waffenstillstandes hatten sich am späten Freitag abend (Ortszeit) in New York die 15 Mitgliedsstaaten des UN-Sicherheitsrates auf eine reduzierte Fortsetzung der grenzüberschreitenden humanitären Hilfe durch die Vereinten Nationen geeinigt. Demnach kann für die nächsten sechs Monate Hilfe noch über zwei Übergänge nach Idlib gelangen. Grenzüberschreitende UN-Hilfskonvois über Al-Nasib (Jordanien-Syrien) und Al-Jarubia (Nordirak-Syrien) wurden nicht verlängert.

Russland hatte darauf hingewiesen, dass die Hilfslieferungen aus dem Nordirak nicht erforderlich seien, da die Region nordöstlich des Euphrat »schon seit langem« aus Syrien versorgt werde. Der syrische Botschafter bei den Vereinten Nationen, Baschar Al-Dschafari, erklärte bei der Sitzung, um die humanitäre Hilfe für die Bevölkerung Syriens zu verbessern, sollten die von der EU und den USA einseitig verhängten ökonomischen Strafmaßnahmen aufgehoben werden.

Internationale Hilfsorganisationen kritisierten die Entscheidung und warnten vor den Folgen. Der Nahostkoordinator der deutschen Hilfsorganisation »Medico International«, Till Küster, sprach am Samstag laut dpa von einer Katastrophe angesichts der Beendigung grenzüberschreitender Hilfe aus dem Nordirak für die von syrischen Kurden und der US-geführten »Anti-IS-Al­lianz« kontrollierten Gebiete im Nordosten Syriens. Der Einfluss des Westens auf die humanitäre Versorgung werde schwinden, weil man künftig die Hilfe über die UN in Damaskus in Absprache mit der syrischen Regierung organisieren müsse. Das humanitäre Völkerrecht schreibt vor, dass Hilfe für ein anderes souveränes Land mit der dortigen Regierung koordiniert werden muss.

Bei einer Fahrt durch Dörfer, die von der syrischen Armee seit Anfang Dezember 2019 im Südosten Idlibs zurückerobert wurden, wurde jW Zeugin der Folgen der militärischen Konfrontation. Die rund 40 Dörfer, die heute in Trümmern liegen, waren zuletzt von HTS-Kampfverbänden gehalten worden. Sie liegen östlich der zentralen Autobahnverbindung Damaskus – Aleppo (»M 5«), die die syrischen Streitkräfte mit Unterstützung Russlands wieder unter staatliche Kontrolle bringen wollen.

Die Ortschaften befinden sich in der ursprünglich vereinbarten entmilitarisierten Zone Idlibs. Tatsächlich hatten die HTS-Einheiten die im September 2018 vereinbarte Deeskalation und den Waffenstillstand genutzt, um ihre Stellungen in den Dörfern zu festigen und ihre Waffenbestände zu erhöhen. Geschützt wurden sie dabei von türkischen Beobachtungsposten, die innerhalb der Deeskalationszone errichtet worden waren. Außerhalb dieser wurde das Gebiet von Russland und dem Iran kontrolliert.

Früher wurden auf dem fruchtbaren Ackerland Kartoffeln angebaut; verwaiste Oliven-, Obst- und besonders Pistazienhaine erstrecken sich noch immer bis an den Horizont. Die Kampfverbände nutzten die Dörfer als Frontlinie, darauf deuten zahlreiche Tunnelanlagen hin. Die Zivilbevölkerung hatte das Gebiet zuvor schon verlassen und sich in Flüchtlingslagern entlang der Grenze zur Türkei in Sicherheit gebracht. Vereinzelt sind Soldaten zu sehen, die zur Sicherung des zurückeroberten Gebietes von rund 200 Quadratkilometern dort stationiert sind.

Die Frontlinie verläuft nun jenseits des Ortes Jarjanaz, der kurz vor dem Jahreswechsel von der syrischen Armee wieder eingenommen wurde. Von dort ist Maarat Al-Numan zu sehen, ein strategisch wichtiger Ort an der »M 5«, der noch von HTS-Einheiten gehalten wird. Es heißt, die Kampfgruppen zögen sich zurück, doch noch wird gekämpft. Die größte Gefahr für sie seien Drohnen mit Sprengstoff, die von den HTS-Einheiten auf die Stützpunkte der syrischen Soldaten gelenkt würden, erläutert ein Brigadegeneral vor Ort gegenüber jW. Manchmal gelinge es, die Drohne zuvor abzuschießen. Bei einem kürzlich abgewehrten Fluggerät habe es sich offenbar um eine Spende aus Europa gehandelt. Die Drohne trug den Schriftzug »Islamischer Rat Dänemark«.

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